Die Schönheit von Lauf, Flug und Landung: Malaika Mihambo passt in keine Schublade

Das unverhoffte Glück ist in der Regel jenes, was man am besten und am innigsten genießen kann. Weil es über einen herfällt und mit einem Kübel voller Emotionen schier erdrücken möchte. So war es auch an diesem Samstag im Berliner Olympiastadion, den die junge Malaika Mihambo wohl nie vergessen wird. Es hätte nicht viel gefehlt und die spätere Weitsprung-Europameisterin hätte ihre heimlichen Medaillenträume  an diesem eher kühlen Sommertag schon früh begraben können. „Ich kam in den beiden ersten Versuchen überhaupt nicht zum Brett. Vor dem dritten Sprung war die Anspannung riesengroß.  Aber dann habe ich mir gesagt: Jetzt oder nie. Hau alles rein. Ein „halbgarer“ Sprung hätte wahrscheinlich auch nicht fürs Finale gereicht.“
Und so nahm dieser triste Samstagnachmittag für die 24jährige von der LG Kurpfalz dann auf einmal doch noch eine ganz andere, strahlende Wendung. 6,75 Meter zauberte sie in die Grube, nachdem sie zum dritten Mal in Richtung Sandkuhle losgerannt war. Runde 40 Zentimeter mehr als zuvor mit 7,36 Meter. Und am Ende sollte diese Weite nach viel Zittern im letzten Durchgang auch für den Titel reichen.  Der Ukrainerin Maryna Bekh fehlte mit 6,73 Meter gerade mal die  Kuppe des kleinen Fingers zum Gold und auch die 6,70 Meter der Britin Shara Proctor reichten zwar für das Podium, aber eben nicht für den Platz ganz oben bei der Siegerehrung.
20 lange Jahre hatte es gedauert, bis einer deutschen Athletin der Sprung ganz nach oben auf das Podium gelingen sollte. Die unvergleichliche Heike Drechsler war 1998 die letzte deutsche Titelträgerin gewesen. Zum vierten Mal in Folge übrigens damals.  Ihre Nachfolgerin zwei Jahrzehnte später ist eine Sportlerin, die in keine Schublade passt. „Erfolge sind wichtig, aber mein Antrieb kommt von innen“, beschreibt die Tochter einer deutschen Mutter und eines Vaters aus Sansibar ihre persönliche Motivation. Der „perfekte“ Sprung, möglichst über sieben Meter,  sei nicht das, wonach sie strebe.
„Es geht nicht um das, was nachher auf der Anzeigetafel steht. Nimmt man die paar Zentimeter weg, die man zwangsläufig  bei jedem Anlauf verschenkt, dann  bin ich die sieben Meter bestimmt schon das eine oder andere Mal gesprungen. Ich weiß, dass ich das kann.“ Es ist die Symbiose zwischen Anlauf und Flug, das Gesamtkunstwerk, das sie bis zur Landung vollenden möchte.  Zwischen EM-Bronze in Amsterdam 2016 und dem Titel 2018  lag ein Jahr, das schwer wie Blei über den Bemühungen der Kurpfälzerin hing. Wegen eines Knochenödems am Fuß stand über der Fortsetzung ihrer Karriere ein Fragezeichen.
Eine Sauerstoff-Therapie und das mehrmonatige Tragen eines ganz speziellen Schuhs reichten zwar nicht, um sich für WM in London zu qualifizieren. Doch in diesem Jahr war sie wieder dabei. Stärker denn je. Und mit dem Glück im Bunde, das manchmal so berauschend und doch kleiner als eine Fingerkuppe sein kann.

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