Gold statt Schwerbehinderten-Ausweis: Arthur Abele, der „etwas andere“ König

Mit den blaublütigen, meist etwas vorschnell und im Rausch der Gefühle vergebenen  Titeln im Sport ist das ein mitunter dünnes Eis: Als dem damaligen Handball-Bundestrainer Vlado Stenzel 1978 nach dem WM-Triumph der deutschen Herren die Pappkrone aufgesetzt wurde, mutierte er genauso unfreiwillig wie sein  wohl talentiertester Zögling Jahrzehnte später zum „König“. Mit gleichem Schmuck, aufgepäppelt durch den unverwechselbaren „Heiner-Schnäuzer“ wurde auch der Gummersbacher Heiner Brand 2007 in Köln gefeiert.  
Doch auch das Jahr 2018 brachte einen echten Herrscher, einen wahrhaften „König der Athleten“ hervor. Nicht umsonst wird den Männern, die über zwei Tage lang die größte Leistungs- und Leidensfähigkeit an den Tag legen müssen, dieser Titel respektvoll verliehen: den Zehnkämpfern. Und auf deren Thron schwang sich im August in Berlin ein deutscher „Siegfried“, ein Nachkomme aus der Gattung der Bendlins, Kratschmers, Hingsens oder Holdorfs empor: Arthur Abele, der Rocket-Man im Laufen, Springen und Werfen, hat es allen anderen gezeigt: Mit 8431 Punkten hielt er die internationale Konkurrenz in Schach und krönte sich selbst zu Europas neuem „König der Athleten“.
Es war der perfekte Abschluss eines Leichtathletik-Märchens, das der Triumphator selbst ein halbes Jahr zuvor noch ins Reich der Fabel verwiesen hätte. Der 32jährige aus Ulm hatte zu Beginn des Jahres an Alles, nur nicht an den olympischen Zehnkampf gedacht. Vollgestopft mir Cortison, nachdem er sich bei seinem sechsjährigen Sohn einen,  - so nennen es die Ärzte -, „Spontaninfekt“ zugezogen hatte, wurde dem schwäbischen Modellathleten sogar Hirnwasser über den Rückenkanal abgezogen. Um den Heilungsverlauf zu beschleunigen, hieß es offiziell. Obwohl damals überhaupt noch nicht feststand, ob Abele jemals wieder ganz gesund werden würde.
Doch die Therapie schlug an. Schneller scheinbar, als erwartet. „Darauf gehofft“, habe er Ende Februar, dass es noch bis zum August mit dem Formaufbau reichen würde, ließ Abele  nach dem Berliner Gold einen Blick in sein Innerstes zu. „Damit gerechnet aber hatte ich eigentlich nicht mehr.“ Europas neuer König der Athleten kennt sich aus mit den Widrigkeiten des Daseins eines Spitzenathleten: Achillessehnen- und Ellbogensehnenriss. Unterschenkbelbruch, Bandscheibenvorfall. Eine Krankenakte, die eigentlich für einen Schwerbehinderten-Ausweis ausgereicht hätte.  Doch der Sportsoldat hielt dagegen, kam immer wieder zurück. Stück für Stück, hielt sich den großen Triumph bis in den Herbst seiner Karriere auf, als Andere wie etwa Junioren-Weltmeister Niklas Kaul, das bessere Ende für sich zu haben schienen.
Der wahre König kennt sich eben auch dort aus, wo sich die Vasallen plagen müssen. In den scheinbar hoffnungslosen Niederungen. Und deswegen verdient Arthur Abele dieses Prädikat auch zurecht. Ob mit oder ohne Pappkrone

Bild: picture alliance

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