Eine blonde Amazone aus der Pfalz: Christin Hussongs Titel ist Familiensache

Hätte Uwe Beyer, 1964  als Hammerwurf-Olympiasieger deutschester aller deutschen blonden Leinwand-Helden,  irgendwann einmal laut Drehbuch eine ihm – auch optisch ebenbürtige – Amazone an seiner Seite gebraucht: keine Darstellerin hätte mehr in dieses Rollen-Klischee gepasst als sie: Groß, blond, blaue Augen, langes Haar, kräftige und dennoch wohl proportionierte Figur. Und vor allem erfolgreich: erfolgreich wie Jung-Siegfried aus der Nibelungen-Saga selbst. Ja, lägen nicht Zeiten-Welten zwischen dem inzwischen verstorbenen Kieler und der Speerwerferin aus dem pfälzischen Zweibrücken,  aus ihnen hätte ein germanisches Leinwand-Traumpaar werden können.
So aber „muss“ sich Christin Hussong, denn von ihr ist hier Rede, mit dem Titel einer Europameisterin im Speerwerfen „begnügen“. Noch zumindest. Denn „ich bin ja erst 24 Jahre alt“, wie selbst knapp zwei Wochen vor dem „Sportler des Jahres“ festhielt. Was gleichzeitig auch als Warnung an die Konkurrenz verstanden werden darf. Denn  die in Saarbrücken studierende Pfälzerin überlässt im Umgang mit dem Sportgerät und der akribischen Vorbereitung ihrer Wettkämpfe nichts dem Zufall. Anfang Dezember erst aus dem Trainingslager in Südafrika zurückgekommen, richtet sich der Blick nach vorn. Klar und bestimmt: Doha, die WM 2019 und natürlich Tokio 2020. Wenn es darum geht, im olympischen Wettbewerb zu bestehen. Auf höchstem Niveau versteht sich.
Gleich mit ihrem ersten Versuch hatte Hussong  bei der EM den „Rest der Speerwurf-Welt“ geschockt: 67.90! Rrrummms! Das war mehr als eine Ansage. Was war ein Betonklotz für die Anderen, der wie ein Mühlstein an deren Wurfarm hing. Eine „Peitsche“ habe sie direkt zum Auftakt rausholen wollen, sagte sie nach ihrem Triumph am Mikrofon vor den Fernsehkameras. Was ihr gelang. Sagenhafte 6,05 Meter betrug ihr Vorsprung auf die Zweitplatzierte Tschechin Nikola Ogrodnikova. Welten im Speerwerfen.
Und dennoch: Christin Hussong musste erst einmal sich selbst besiegen an diesem Tag, ehe sie sich mit der Konkurrenz befasste. Fast 50.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion, rhythmisches Klatschen vor ihrem ersten Versuch. „Ich war unfassbar aufgeregt, hab am ganzen Körper gezittert.“ Dann, nach diesem fulminanten  Auftakt hatte sie nicht nur das Publikum  sondern auch ihre Nerven auf ihrer Seite.  Der EM-Titel der „U-23“-Europameisterin von 2015  ist irgendwie auch der ihres Vaters. Udo Hussong ist nicht nur ihr Trainer, sondern auch ihre wichtigste Bezugsperson. „Auf dem Sportplatz ist er eben mein Trainer und nicht mein Vater. Wir haben ein besonderes Verhältnis, aber so ist es perfekt. Ich bin es auch nicht anders gewohnt“,
Die Sternstunde von Berlin hat ihr Leben und ihr Umfeld nicht verändert. „Zu Haus im Dorf kennt mich sowieso jeder. Und auf der Straße bin ich immer noch die Christin und nicht die Europameisterin. Und woanders erkennt mich eh keiner.“ Das könnte sich nach dem 16. Dezember und einem Auftritt vor den ZDF-Kameras ändern.

Bild: PRC

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