Peter Leissl (ZDF): Wie TV in Tokio funktioniert

Meine 17. Olympischen Spiele sind - höchstwahrscheinlich - die letzten vor Ort. Da möchte man doch gerne auch eine so interessante Kultur wie die japanische in vollen Zügen genießen. Dass das nicht möglich sein würde, war schon länger klar. Dass es aber aus Deutschland genauso möglich gewesen wäre, mit deutlich mehr Freiheiten, ist mein erstes Fazit nach wenigen Wettkampftagen. Ich wäre Heimschläfer geblieben, hätte all die digitalen Hilfsmittel eines Journalisten auch dort gehabt: Die Strecken der Radrennen kennenlernen? Geht auch mit Youtube-Videos. Athleteninfos aus erster Hand bekommen? Das ist mit Videokonferenzen über Teams ebenso möglich. Bei der Kommentierung digitale Hilfen in Echtzeit bekommen, Internet live-Ticker, Wettkampfdaten, Computer-Infosysteme  – auch das wäre aus Deutschland möglich gewesen. Und wahrscheinlich ohne wesentlichen Qualitätsverlust.

Das könnte sich mit Beginn der Leichtathletik zwar ändern, denn dann werde ich in einem fast leeren Nationalstadion sitzen und kommentieren.  Dann ist der Blick über den Monitor in das weite Rund der Arena möglich, man könnte Trainer auf der Tribüne sehen, Zurufe verstehen – der Kommentar würde authentischer. Aber es gibt genügend Reporterkollegen, zuständig für Sportarten mit weniger Sendevolumen, die in Deutschland geblieben sind. Mit diesen „Fernbeziehungen“ haben wir in der digitalen Welt schon zu leben gelernt, die Pandemie aber hat diese Tendenz merklich verstärkt.

14 Tage Quarantäne - auch daran gewöhnt man sich. Was bleibt auch anderes übrig? Frühstück auf dem Zimmer mit selbst Gekauftem aus einem kleinen Drugstore direkt gegenüber dem Hotel. Das liegt in Shibuya, dem angeblich lebhaftesten Viertel in diesem riesigen Moloch Tokio. Nur dass man von dem Treiben nicht viel mitbekommt. Der Weg zur Bushaltestelle ist kurz, keine 50 Meter bin ich im Freien, klettere dann in ein Shuttle, das mich in einer knappen Stunde zum Fernsehzentrum an der Tokyo Bay bringt. Dort verbringe ich den ganzen Tag, um in der Abenddämmerung dasselbe Spielchen in umgekehrter Richtung zu absolvieren. Im Hotel sind wir gebeten, den Personal- bzw. Lastenaufzug zu nehmen, um möglichst nicht in Kontakt mit „normalen“ Gästen zu kommen. Abendessen (wenn man nicht im TV-Zentrum schon eine Pizza verschlungen hat) aus gekauften Fertigsuppen oder Sushi-Rolls. Aber ich will nicht klagen: Das Zimmer ist für japanische Verhältnisse ziemlich geräumig, das zweite Bett ist als Ablage willkommen. Die Nasszelle wird peinlich sauber gehalten. Am meisten nervt, dass es keinen Fitnessraum gibt. An Jogging-Runden in benachbarten Parks (die gibt´s) ist nicht zu denken. Aber trotzdem: verglichen mit der „Isolationshaft“, in der sich der Radrennfahrer Simon Geschke gerade befindet, bin ich in einer beneidenswerten Situation!

Das tägliche Füttern der Gesundheits-App Ocha nervt auch kaum noch, ebenso der „Spucktest“ , mit dem man in bestimmten Zeitrhythmen Proben seines Speichels abgeben muss. Meinen Kolleg*innen geht es mehr oder weniger genauso. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Und die Hoffnung bleibt, dass ich nach 14 Tagen noch fünf weitere haben werde, in der für mich keine Quarantäneauflagen mehr gelten. Es sind eben besondere Spiele, diese meine letzten, die ich vor Ort erlebe.

Bild: ZDF

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