Tokio 1964: Gemeinsam im Kalten Krieg

Die olympische Flamme lodert zum zweiten Mal in Tokio. Da lohnt sich ein Blick 57 Jahre zurück, als 1964 in der Hochzeit des Kalten Krieges zum letzten Mal vor einer langen Pause eine gemeinsame deutsche Mannschaft um die Medaillen kämpfte. Zu den Olympiasiegern gehörten der Rudervierer mit Steuermann vom RC Berlin oder der Potsdamer Kanute Jürgen Eschert. Er feiert im nächsten Monat seinen 80. Geburtstag. Die Wasserspringerin Ingrid Gulbin-Krämer, sie wird am 29. Juli 78, lebt in Dresden-Cosebaude. Im vorigen Jahr beklagte sich die dreimalige Goldfee in der „Sächsischen Zeitung“, dass die ehemaligen DDR-Sportler in den Medien viel zu wenig Beachtung fänden.

Ehrungen wurden der außergewöhnlichen Sportlerin jedoch reichlich zuteil. Die Sächsin wurde bereits 1975 in die „Hall of Fame“ in Fort Lauderdale (USA) - aber erst 2011 in die deutsche „Hall of Fame“- aufgenommen. Die Olympiasiegerin stieg viermal zur „DDR-Sportlerin des Jahres“ auf. 1960, nach ihren Olympiasiegen von Brett und Turm in Rom, gelang ihr ein Phänomen. Sie wurde „Sportlerin des Jahres“ in der DDR und der Bundesrepublik. In Tokio trug sie die damalige deutsche Kompromiss-Fahne mit den fünf weißen olympischen Ringen ins Stadion.

Für Medaillenglanz schaufelte der Vierer mit Steuermann vom Westberliner BRC das Wasser des Lake Sagami um. Schlagmann Peter Neusel, Bernhard Brittig, Joachim Werner, Egbert Hirschfelder und Steuermann Jürgen Oelke fischten unangefochten das Gold aus dem japanischen Wasser. Für Peter Neusel waren es dramatische Tage. Am 15. Oktober stieg das olympische Finale. Am 7.Oktober verstarb Neusels Vater Walter, 1938 Deutscher Boxmeister im Schwergewicht. Auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter blieb Peter in Japan und kehrte als Hero zurück. Die Goldcrew wurde von Walter Volte trainiert, dem Olympiasieger im Vierer mit 1936.

Als erster Deutscher stieg Willi Holdorf aus Schleswig-Holstein zum König der Athleten auf. 18 Sekunden durfte Holdorf über die abschließenden 1500 m des Zehnkampfes langsamer sein als der Este Rein Aun. Der Deutsche kreuzte zwölf Sekunden hinter dem damaligen sowjetischen Läufer Aun die Ziellinie. Gold – und im Dezember die Auszeichnung zum „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden. 1973 legte er in Cervinia noch eine EM-Silbermedaille als Anschieber im Bob dazu. Mit 80 Jahren verstarb Holdorf in Achterwehr. Hans-Günter Winkler, Hermann Schridde und Kurt Jarasinski ritten als Springreiter Equipe unangefochten zum Sieg. Mit insgesamt fünf Gold- und einer Silbermedaille ist HGW einer der erfolgreichsten Athleten überhaupt. 15 Tage vor seinem 92. Geburtstag verstarb der Olympionike in Warendorf.

In Zeuthen bei Berlin wohnt heute der frühere Rostocker Schwimmer Frank Wiegand (78.). Er trug in Tokio gehörig zum Glanz der deutschen Mannschaft bei: dreimal Silber. Insgesamt kehrten die 372 Sportler aus Ost und West mit 50 Medaillen, davon zehn in Gold, aus Japan zurück. Eine gute Bilanz, denn damals gab es lediglich 163 Entscheidungen, deren Zahl heute auf 339 angestiegen ist.

Die Story mit der Hochzeit…

Um sie zu erzählen, musste Wiegand erst einmal den vollautomatischen Staubsauger abstellen… „Die drei Silbermedaillen sind das Herzstück meiner Sporttrophäen. Ganz besonders hänge ich an der Medaille über 400 m Freistil. Ich bin damals hinter dem USA-Ausnahmeschwimmer Don Schollander Zweiter geworden“, so Wiegand. Mit einigem Stolz spricht er auch über die 4 x 200 m-Freistilstaffel. „Wir waren mit Gerhard Hetz aus Hof, Hans-Joachim Klein aus Darmstadt sowie dem 1995 verstorbenen Leipziger Hans-Günter Gregor und mir eine echt gesamtdeutsche Mannschaft. Und die Verbindung zwischen uns riss nicht ab. Unsere Funktionäre knurrten zwar, aber Gerhard und Hans-Joachim waren im November 1964 Gäste bei meiner Hochzeit.“ Bis zu seinem Tod in Mexiko 2012 stand Wiegand mit Hetz in lockerer Verbindung. „Noch enger war die Beziehung mit Hans-Joachim Klein.“ Sie setzte sich auch nach der Wende fort. „Um der Frage zuvor zukommen. Ins Wasser gehe ich nur noch baden“, verabschiedete sich der einstige Schwimmbecken-Held.

Bild: picture alliance

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