Sportler des Jahres - März 2024

Nordische So-lala-Bilanz

Der einzige Trost: Es war ein sogenannter Übergangswinter. Mit Ausnahme der Skispringer, die am Kulm in Österreich die Weltmeistertitel im Skifliegen unter sich ausmachten, gab es in den nordischen Disziplinen in der Wintersaison 2023/24 keinen wirklichen Saisonhöhepunkt. Das macht es ein klein wenig erträglicher, dass die Sportlerinnen und Sportler des Deutschen Skiverbandes der Musik großenteils hinterherliefen, anstatt den Ton anzugeben. Die DPA machte sich den Spaß, den deutschen Wintersportlern nach Abschluss der Weltcup-Saison ein Zeugnis auszustellen. Während Bob und Rodeln mit den Noten 1 und 2 glänzte, schnitten die Nordischen durchschnittlich ab. Die Kombinierer erhielten eine Vier und die Skispringer eine Drei. Nur das DSV-Langlauf-Team konnte mit Zeugnisnote 2 überzeugen. Auch wir blicken noch einmal zurück auf die Schattenmomente der Saison, sehen aber ein Jahr vor der Nordischen Ski-WM in Trondheim und zwei Jahre vor den Olympischen Winterspielen in Cortina d'Ampezzo auch Lichtblicke.

Skispringen: Die Siegerehrungen beim Saisonfinale im slowenischen Planica müssen für das Männer-Team von Bundestrainer Stefan Horngacher ganz schön bitter gewesen sein. Viermal erklang die österreichische Bundeshymne. Zweimal für Daniel Huber, den Tagessieger und besten Skiflieger der Saison, einmal für Stefan Kraft, den Gesamtweltcup-Sieger und einmal für das gesamte ÖSV-Team, das den Nationencup mit einem neuen Punkterekord von 8149 Zählern für sich entschied. Deutschland dagegen, das vor der Vierschanzentournee Mitte Dezember noch große Kampfansagen über die Grenze geschickt hatte, kam am Ende auf 5022 Punkte. In den 100 Tagen von Mitte Dezember bis zum Saisonende Mitte März hatte sich das Machtgefüge massiv verschoben. Richtung Austria, weg auch von den deutschen Adlern. Einziger Lichtblick war Andreas Wellinger. Der 28-jährige Ruhpoldinger sprang seine beste Saison, erlebte mit den Erfolgen bei den Heim-Weltcups in Oberstdorf und Willingen auch emotionale Ausnahmemomente und bewies mit neun weiteren Podestplätzen, dass er dran ist an der Weltspitze. Der Stockerlplatz im Gesamtweltcup hinter Kraft und Kobayashi darf als großer Erfolg gewertet werden. "Auch wenn ich mir das ganze Planica-Wochenende schwergetan habe: es geht eine grandiose Saison zu Ende", sagte Wellinger. Der Olympiasieger aus Oberbayern hatte nämlich bei der Skiflug-WM in Österreich auch noch Silber im Einzel und Bronze mit dem Team gewonnen. 

Bei allen anderen fehlte die Konstanz: Oldie Pius Paschke gewann in Engelberg, Karl Geiger zweimal in Klingenthal und auch Stephan Leyhe und Philipp Raimund ließen mit zwei Podestplätzen ihr Können aufblitzen. Horngacher bilanzierte in Planica etwas geknickt. "Am Schluss ist uns das Gas ausgegangen. Daraus werden wir unsere Lehren ziehen, daran werden wir arbeiten." 

Nicht so stark wie in den Vorjahren präsentierten sich die Frauen. Katharina Schmid (geborene Althaus), im Vorjahr dreifache Weltmeisterin und Dritte bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“, wurde im Gesamtweltcup nur Zehnte. Das gesamte DSV-Frauen-Team fiel in der Nationenwertung auf Rang fünf zurück.

Nordische Kombination: Nicht mehr in der absoluten Weltspitze sind auch die Kombinierer. Unter ihrem neuen Trainer Eric Frenzel, der Erfolgscoach Hermann Weinbuch beerbte, blieben die einst so dominanten Winter-Zweikämpfer erstmals seit 25 Jahren ohne einen einzigen Weltcup-Sieg. „Es ist klar, dass das nicht unser Anspruch ist", bilanzierte Frenzel und machte Hoffnung auf die WM-Saison: "Wir haben nicht das Gefühl, dass Welten dazwischen liegen. Wir haben noch Reserven, die wir nicht ganz rausgekitzelt haben.“ Manuel Faißt aus Baiersbronn wurde als Siebter im Gesamtweltcup bester Deutscher, für eine positive Überraschung sorgte auch der junge Buchenberger David Mach mit Podestplatz drei beim Weltcup in Otepää/Estland. Bei den Frauen zeigte die Schwarzwälderin Nathalie Armbruster mit Rang fünf eine solide Saison.

Langlauf: Die Arbeit von Bundestrainer Peter Schlickenrieder zahlt sich immer mehr aus. Die Zeiten, in denen TV-Reporter die deutschen Spitzenathleten irgendwo im Wald suchten ("Wo ist Behle?", fragte Bruno Moravetz 1980 bei Olympia in Lake Placid) sind vorbei. Die DSV-Loipen-Asse bestätigen im Weltcup mit konstant guten Leistungen die Überraschungserfolge von Katharina Hennig und Victoria Carl bei Olympia in Peking sowie die Staffel-Medaillen bei der WM in Planica. Sie lieferten den besten Weltcup-Winter seit langem ab. Carl gewann den Weltcup in Trondheim und bestieg vier weitere Mal das Podest, auch Katharina Hennig und Coletta Rydzek überraschten die Weltelite. Noch bemerkenswerter war die Leistung von Friedrich Moch vom WSV Isny: Der 23-Jährige wurde als Sechster bester Nicht-Norweger im Gesamt-Weltcup. Zehn Top-Ten-Platzierungen im Einzel sowie Rang zwei bei der Tour de Ski sind der Beweis dafür, dass Moch in der Weltspitze angekommen ist.

Text: Thomas Weiß
Bild: picture alliance

weiterlesen ...

Kazmaier, Wicker und Forster gewinnen Para-Gesamtweltcup

Die Bilanz im paralympischen Wintersport fällt nach dieser Saison blendend aus. Vor allem für Linn Kazmaier mit ihrem Guide Florian Baumann. Wie Anja Wicker gewann die sehbehinderte 17-Jährige jeweils den Gesamtweltcup im Para Biathlon und Langlauf und war wie Monoskifahrerin Anna-Lena Forster eine Klasse für sich.

12 von 15 Weltcup-Rennen gewonnen, Dreifach-Weltmeisterin im Para Biathlon im kanadischen Prince George plus Staffel-Silber, dazu wie in der Vorsaison der Gesamtweltcup-Sieg im Para Biathlon und Langlauf: Linn Kazmaier hat mit Florian Baumann einen Winter der Superlative in den Schnee gezaubert – und ist dabei ganz bescheiden geblieben: „Natürlich freut mich das. Aber viel wichtiger ist für mich, dass ich gute Rennen gelaufen bin. Ich hatte nur zweimal das Gefühl, dass ich etwas besser hätte machen können.“

Ein Geheimtipp ist Kazmaier schon lange nicht mehr: 2022 holte sie mit 15 bei den Paralympics fünf Medaillen, vier WM-Titel hatte sie vor der Saison auch schon eingeheimst. Nun hofft die Schülerin, ans norwegische Sportinternat NTG in Lillehammer wechseln zu dürfen. Dort lernten auch schon Biathlon-Größen wie Tarjei Bö oder Tiril Eckhoff. Jüngst sagte die Athletin aus dem schwäbischen Nürtingen, die in dieser Saison oft deutsche Dreifach-Erfolge mit Leonie Walter und Guide Christian Krasman sowie Johanna Recktenwald mit Guide Pirmin Strecker feiern durfte: „Mein Traum ist es, bei den Nichtbehinderten im Weltcup mitzulaufen.“

Ihre Teamkollegin Anja Wicker gewann in der sitzenden Klasse beide großen Kristallkugeln für den Gesamtweltcup. Im Para Biathlon war es bereits ihr vierter Gesamtsieg, im Para Langlauf wiederholte sie den Vorjahreserfolg.

Noch dominanter als Kazmaier war Monoskifahrerin Anna-Lena Forster im alpinen Bereich: Die mehrfache Paralympicssiegerin und Weltmeisterin gewann bei 22 Starts alle 22 Rennen. Ohne Worte… Die große Kristallkugel für den Gesamtweltcup-Sieg und vier kleine in den Disziplinen-Wertungen – Abfahrt, Super-G, Riesenslalom und Slalom – waren ihr bei ihrer ausnahmslos goldenen Ausbeute logischerweise auch nicht mehr zu nehmen.

Die Paralympics 2026 in Cortina d’Ampezzo und Mailand können aus deutscher Sicht auf jeden Fall kommen.

Text: Nico Feißt
Foto: Kelly Bergman, BergMedia Photography

weiterlesen ...

Ramona im siebten Snowboard-Himmel

Servus Sportwinter 2023/24 – der leider nur sporadisch ein echter Winter war – also mit massig Eis und Schnee. Aus diesem Grund wurde das Weltcupfinale in Sachen Snowboard in Winterberg/Sauerland statt in Berchtesgaden ausgetragen. Doch was scherte das die überragende Racerin der Saison, Ramona Hofmeister? Nicht die Bohne! Also schrieb die Athletin vom WSV Bischofswiesen (5 km nach Berchtesgaden…)  Geschichte in dieser Sportart, gewann drei Kristallkugeln. Im Torlauf, Riesenslalom und (zum vierten Mal) den Gesamtweltcup.  Die Szene verbeugte sich vor der Allesgewinnerin, die zum Jahresende auch mega sicher auf der Vorschlagsliste „Sportlerin des Jahres“ auftauchen wird.

Dieses Triple am Ende ihrer zehnten Weltcup-Saison ließ natürlich ein paar Tränen kullern – mehr geht schließlich nicht. Obgleich die 27-Jährige schon mit Olympia-Bronze aus Pyeongchang/Südkorea (2018) zurückgekehrt war.  Seit ihrem vierten Lebensjahr steht Ramona Hofmeister auf dem „Schneebrett“, entwickelte eine ausgeprägte Leidenschaft für die Disziplin und huldigt ihren Maximen. Die da lauten „Snowboarden ist für mich wie Klavierspielen oder Backen eine Leidenschaft.“ Oder schlicht auf Englisch: „No pressure, just passion.“

„Die Freiheit und die Schnelligkeit auf Schnee“ nennt sie auf ihrer Website das Höchste der Gefühle. Mit dem Triple, so die Hoffnung, könnte auch die Öffentlichkeit mehr Notiz von der Abo-Siegerin und ihrer Kurven-Präzision bergab nehmen. „Die Fernsehzeiten sind ein großer Minuspunkt“, lautete ihre Klage in der „Süddeutschen Zeitung“ – und sie wisse langsam auch nicht mehr, „was ich noch machen soll.“ Wahrscheinlich funktioniert das nur über weitere Highlights wie am bestens präparierten Poppenberghang vor 2500 begeisterten Zuschauern, wo die Championesse herself, Veranstalter sowie Snowboard Germany-Präsident Michael Hölz ein Happy End des Winters auf den taillierten Brettern mit harten Kanten zelebrierten. 

Bild: picture alliance

weiterlesen ...
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.