Sportler des Jahres - Juni 2020

Ocik: Sport muss sich Gehör verschaffen

Die Ruder-Europameisterschaften sind terminiert. Vom 9. bis 11. Oktober 2020 werden die Wettkämpfe im polnischen Posen ausgetragen. Wir konnten mit Hannes Ocik, Schlagmann des Deutschland-Achters, über die Corona-Krise, die zurückliegenden Trainingswochen, die neue Normalität und den „Sportler des Jahres“ 2020 sprechen. Denn neben Sportfunktionären möchten wir Aktive aus ganz Sportdeutschland zu Wort kommen lassen, Ocik (29) sieht in der Pandemie auch die Chance zur Einigung der Sportwelt. Gleichzeitig setzt er ein Fragezeichen hinter die Wahl zur „Mannschaft des Jahres“.

Wie habt ihr als Team den Shut-Down erlebt, was hat sich für euch im Training geändert, sitzt ihr auch ohne Corona Pandemie ab und zu im Zweier und wie schwer hat euch die Verlegung der Olympischen Spiele getroffen?

Als Team konnten wir den Shut-Down nicht erleben, da wir ja auch alle einzeln zu Hause sein mussten. Wir haben uns in der Zeit mit individuellen Homeworkouts und dem Ruderergometer „vergnügt“. Dabei zeigten die Fotos aus der Mannschaft, dass die Geräte an den unterschiedlichsten Stellen Platz gefunden haben wie Balkon, Terrasse, Vorgarten, Parkplatz oder Wohnzimmer und bestimmt bei dem einen oder anderen Nachbarn zu erstaunten Blicken geführt haben. Geändert hat sich nach der ersten Lockerung, dass wir wieder in kleineren Gruppen (anfänglich Zweier- dann Vierer-Gruppen) am Stützpunkt in Dortmund trainieren konnten, ohne jedoch dabei die Umkleideräume und Duschen zu benutzen. Die Verschiebung der Spiele hat uns genauso hart getroffen wie auch alle anderen Athleten aus dem Team D. Wir waren in einer Phase äußerst umfangreichen Trainings und entsprechend physisch und psychisch an die Belastungsgrenzen gekommen. Da trifft einen eine solche Entscheidung um so härter. Dadurch war es für jeden von uns ein Fall in ein tiefes Loch, aus dem wir uns erst langsam wieder heraus kämpfen mussten.

Habt ihr euch während der Shut-Down Phase überhaupt gesehen, oder habt ihr euch gegenseitig motiviert via Video Call?

Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe, in der wir unsere Trainingsergebnisse eingestellt haben, Motivationscalls gab es allerdings nicht.

Was bedeutet es jetzt, wieder gemeinsam im Achter zu trainieren?

Es ist ein Gefühl, das uns sehr positiv stimmt. Allerdings, nach so einer langen Zeit wieder im grünen Boot zu sitzen, hatte auch etwas von Taubheit. Denn das Bootsgefühl ist nach fast zehn Wochen Achter-Abstinenz doch ein wenig verloren gegangen.

Wie ist der Ausblick für Tokio 2021? Und was wäre ein erreichbares Ziel bei der Ruder Europameisterschaft im Oktober in Polen?

Es ist natürlich schwierig, unter den jetzigen Gegebenheiten eine neue Saisonplanung vorzunehmen. Die EM im Oktober, eine konzentrierte Vorbereitung darauf und die dennoch notwendigen Erholungszeiten für das langfristige Ziel Olympische Spiele im nächsten Jahr fordern bei den Trainern und Sportlern neue Ansätze in der Trainingsplanung. Das ist für uns eine neue Situation und wir müssen  viel bedenken. Für alle ist jedoch klar, dass wir die EM mit vollem Einsatz und größtmöglichem Erfolg fahren wollen, weil sie für uns die einzige internationale Rennregatta 2020 sein wird. In den Wintermonaten werden dann 3-4 Trainingslager und anschließend die Worldcup-Saison folgen. Für den Zweier und den Vierer ohne Steuermann geht es dann Mitte Mai 2021 um die Nachqualifikation für die Spiele.

Rückt die Sportwelt „danach“ ein bisschen mehr zusammen?

Ein Reset auf Null kann auch der Beginn neuer Möglichkeiten sein. Wir müssen jedoch aufpassen, dass die (Spitzen-)Sportwelt aufgrund unterschiedlicher Regelungen nicht so weit auseinanderdriftet, dass Missgunst die Oberhand gewinnt. Daher ist es wichtiger denn je, dass die Sportarten weiter zusammenrücken und sich gemeinsam in der Gesellschaft und in der Politik Gehör verschaffen müssen. Chancen sehe ich auf jeden Fall im Breitensport und insbesondere für die Freiluftsportarten, da der Shut-Down die Bedeutung des Sports als individuelle Gesundheitsprävention wieder deutlich in den Fokus gerückt hat. Davon könnten idealerweise die Vereine mit einem Mitgliederzuwachs profitieren.

Wir arbeiten an Lösungen für eine Auszeichnung am 20.12. 2020 in Baden-Baden. Wie ist deine Einschätzung gerade zur Wahl „Mannschaft des Jahres“?

Um es vorweg zu nehmen: die Veranstaltung war stets eine absolute Motivation und ein Highlight für uns Sportler! Und grundsätzlich bin ich auch immer ein Freund von rein sportlichen Leistungen bei Ehrungen. Aber da das in diesem Jahr schwierig wird, weil wohl gerade einige Mannschafts-Sportarten oder -Disziplinen kaum die Chance auf internationale Meisterschaften haben, müssen notwendigerweise andere Aspekte hinzugezogen werden. Vielleicht sollte daher eine klassische Ehrung einer Mannschaft des Jahres entfallen, da sie einfach unter ungleichen Voraussetzungen vorgenommen werden müsste.

Haben Dich besondere Aktivitäten, Aktionen von Sportlern während des Shut-Downs beeindruckt?

Ich fand es schon ziemlich abgefahren, wie Jan Frodeno einen Homeoffice-Ironman durchgezogen hat, Respekt!

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Sportler des Jahres 2020: Halbzeit auf dem Weg nach Baden-Baden

Sportliche Fix-Daten aber - das lehrten die vergangenen Monate - sind nur unter den jeweils aktuellen Regularien zu stemmen. Doch aktuell nimmt der Sport Anläufe zur neuen Normalität. Siehe Galoppsport, Fußball, Basketball, demnächst bittet die Leichtathletik zur DM. Ab August sollen die Räder wieder rollen. Die Ruder-EM ist auf Oktober terminiert.

Entsprechend laufen die Vorbereitungen, um sich den Gegebenheiten anzupassen. Flexibilität ist gefragt. Die örtlichen Ausrichter, der TV-Partner, Verbände, Sportler und Sponsoren entwickeln Ideen für den 20-12-2020. Vielleicht entsteht daraus ein ungewöhnliches Mosaik, eine Gala der anderen Art.  

In zahlreichen Umfragen äußerten sich Macher und Sportler zur Gestaltung des SdJ. Fast unisono die Aussage, „dass sich geeignete Kandidaten finden lassen“, so DLV-Präsident Jürgen Kessing. Der oberste Kanute, Thomas Konietzko, glaubt „an die Chance, in der Krise zu verdeutlichen, dass der Sport nicht nur auf sportliche Höchstleistungen reduziert werden soll.“ Das ist auch der Ansatz des übertragenden Senders. „Die Wahl wird durch andere Faktoren als üblich bestimmt: durch Chrisma, soziales Engagement, kreativen Umgang mit der Krise“, sagt Peter Leissl, verantwortlicher Redakteur beim ZDF.

Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler, der demnächst Richtung Tokio aufgebrochen wäre, wünscht sich, „dass die Gala mit all den tollen Menschen stattfinden darf.“ Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Event GmbH, gibt nicht nur dem Ruder-Recken Zuversicht. „Ich bin mir sicher, dass die Gala im Dezember im Kurhaus wieder eine Leuchtturm-Veranstaltung sein wird.“ Jens Zimmermann kennt die Auszeichnung seit Jahren als Manager und Co-Moderator. Für ihn wäre es „ein extrem wichtiges Zeichen, auch 2020 eine Sportlerin, einen Sportler und eine Mannschaft zu küren. Die Wintersaison wurde beispielsweise fast komplett absolviert, für diese Sportarten wäre es extrem schade, wenn man einfach sagen würde, 2020 ist kein vollständiges Jahr, das ehren wir nicht. Außerdem wird auch 2020 noch einiges passieren, daran glaube ich und das hoffe ich.“

Die 74. Abstimmung unter den deutschen Sportjournalisten wird auch die Ergebnisse der „late season“ mit spät im Jahr angesetzten internationalen Events (Giro, Turn-EM) berücksichtigen. Das gilt auch für die Auszeichnung „Vorbilder im Sport“ des Deutschen Sparkassen und Giroverbandes, 2020 besonders im Fokus.

Die Organisatoren im Hintergrund erleben ein ungewohntes Prozedere. Statt „Warten“ auf prämierungswürdige Leistungen gilt es jetzt, nonstop Konzepte und Regularien nach zu justieren.  

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TV-Sport in der Krise: Tiefschürfende Reportagen

Sport im Fernsehen in Corona-Zeiten, das schien nahe an der Quadratur des Kreises. Keine Events, keine Übertragungen. Doch die TV-Macher ließen sich auch vor dem Re-Start des Fußballs Alternatives einfallen, bekamen Raum und Zeit für tiefschürfende Reportagen. Peter Leissl, verantwortlicher Redakteur der alljährlichen Sondersendung „Sportler des Jahres“ im ZDF, nennt das eine Quasi-Reanimation des „Sportspiegels“.

Sport im Fernsehen, Sport im ZDF, erfuhr in den letzten Monaten eine völlig neue Gewichtung. Lange praktisch ohne Sportereignisse. Welche Erfahrungen und Rückmeldungen durch die Corona-Krise erfuhr die Redaktion. Wie reagierte das TV-Publikum?


Peter Leissl: Nach dem ersten Schock, dass uns die Berichtsthemen auszugehen drohten, hat sich in der Redaktion eine positive Trotzreaktion gezeigt. Gerade die Auswirkungen des Shutdowns auf den Sport boten ein weites journalistisches Arbeitsfeld.  Stellvertretend seien die Sportstudio-Diskussionsrunden genannt, oder die beeindruckenden Skype-Schalten zum Fußballer Robin Gosens nach Bergamo, ins Herz der Epidemie. In der Sportreportage am Sonntag gab es nun Platz für lange und tiefschürfende Reportagen, auf eine gewisse Weise eine zeitgemäße Reanimation des guten alten „Sportspiegels“.  Fast logisch, dass man ohne (live-)Sport keine Massen mehr vor dem Schirm versammeln konnte. Vor allem die Sportstudio-Quoten leiden etwas unter dem Mangel an aktuellem Fußball. Aber auch seit dem Re-Start bleiben sie unterdurchschnittlich, verglichen mit der Vor-Corona-Phase. Ein ähnliches Phänomen lässt sich wohl auch bei der ARD-Sportschau feststellen.

Nach Absprache mit den wichtigsten Partnern sollen Wahl und Auszeichnung „Sportler des Jahres“ am 20. Dezember in Baden-Baden stattfinden. Wahrscheinlich mit geänderten Rahmenbedingungen. Vielleicht könnte eine solche Veranstaltung und TV-Sendung sogar Zeichen setzen. Wagen Sie einen Ausblick auf den Tag X als langjähriger Fernsehpartner.


Peter Leissl: Das einzig Konstante ist der Wechsel. Fast jeder fühlt sich in diesen Tagen zum Propheten berufen und weiß doch nicht, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Sollte es die vielzitierte „Zweite Welle“ nicht geben und der Sport im Herbst mit Veranstaltungen sogar vor (reduziertem) Publikum aufwarten können, dann sehe ich das Bild eines aufgeräumten Bénazet-Saals vor mir, mit weniger Tischen, aber gleichwohl emotionalen Gästen.  Die Wahl würde durch andere Faktoren mehr als üblich bestimmt, nicht nur durch den sportlichen Erfolg: durch Charisma, soziales Engagement, den kreativen Umgang mit der Krise, und durch einige „weiche“ Faktoren mehr. Und die Vorausschau auf ein (hoffentlich) olympisches 2021 und weitere Sporthöhepunkte rückt auch schon am 20.12.20 mehr denn je in den Blickpunkt.

Die meisten Sparten des Sports endeten im März. Jetzt hoffen viele, vor allem olympische Verbände, auf einen Re-Start ab Herbst. Glauben Sie, dass sich in diesem ungewöhnlichen Sportjahr auch neue, ungewöhnliche „Kandidaten“ für die Wahl „Sportler/Sportlerin/Mannschaft des Jahres anbieten.  


Peter Leissl: Es wird darum gehen, in der Kandidatenliste durch entsprechende Kurzbeschreibungen das Augenmerk der Journalisten auf einen größeren Kreis zu richten, denn unsereins neigt manchmal dazu, derartige Qualitäten zu vergessen.

Kaum Reisen zu Events liebgewonnener Sportarten, vor allem im home office tätig, Video-Konferenzen und Schalten zu Aktiven statt Live-Interviews. Wie kamen Sport-Reporter mit der geänderten Situation klar, was war die größte Herausforderung?   

Peter Leissl: Es ging wesentlich besser als befürchtet. Das schöne Frühjahrswetter beugte zusätzlich einem Lagerkoller vor. Eigene sportliche Aktivitäten wie Joggen oder Radfahren mussten keineswegs eingeschränkt werden. Als live-Reporter derzeit arbeitslos, ohne Olympia und die LA-EM Paris, könnte es dennoch im August langsam wieder losgehen (LA-DM, Rad-Straßen-WM). Bis dahin hält mich eine aufwändige Reportage zum Ist-Zustand der deutschen Leichtathletik auf Trab, verbunden mit Drehausflügen in der Republik

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Reiter stehen in den Startboxen

„Die gesamte Saisonplanung wurde durch Corona durcheinandergewirbelt“, sagt Dr. Dennis Peiler (41), „jetzt muss sich auch der Sport hinsichtlich seiner Planungen beweglich zeigen.“ Der ehemalige Voltigierer (1999 Deutscher Meister, 2007 EM-Fünfter) ist seit 2012 Geschäftsführer des Bereiches Sport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf. In London 2012 und Rio 2016 war der promovierte Sportwissenschaftler, Voltigierrichter und Referent in der Traineraus- und -fortbildung jeweils Chef de Mission.

Wie hat sich der Verband durch die Corona-Krise verändert? Gibt es Erfahrungen die man aus den Entwicklungen und Erlebnissen nutzen kann?
Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Videokonferenzen eine sehr praktikable Lösung sind. Auch die Arbeit aus dem Homeoffice/Mobile Office hat sich bewährt. Beides wird sicher auch nach Corona noch häufig genutzt werden. Die Ausschöpfung der digitalen Möglichkeiten wird sicherlich dazu führen, die Reisetätigkeiten auf ein notwendiges Maß einzuschränken. So ist es nicht immer erforderlich für eine zweistündige Sitzung quer durch die Republik zu reisen.

Bleiben alle Kader-Athlet*innen, die von der Olympia-Verschiebung betroffen sind, bei der Stange?
Die allermeisten unserer Kadermitglieder sind in der glücklichen Lage, ihre Pferde auf privaten Reitanlagen untergebracht zu haben, wo sie auch in der Corona-Zeit weiter, wenn auch etwas eingeschränkt, trainieren konnten. Natürlich ist es für alle schwierig, wenn die sportlichen Ziele wie etwa Olympische und Paralympische Spiele und große Turniere wie der CHIO Aachen ausfallen. Sie müssen sich dann neu fokussieren. Die gesamte Saisonplanung wurde durch Corona durcheinandergewirbelt. Es ist für alle eine Herausforderung, konzentriert weiter zu arbeiten, aber glücklicherweise gelingt das den allermeisten. Sie wurden von den Bundestrainern auch weiter telefonisch und per Videoanalyse gut betreut.   

Fix ist, dass die Wahl „Sportler des Jahres“ unter den Sportjournalisten auch 2020 durchgeführt wird. Auch wenn das Sportjahr Anfang März abrupt endete, glaubt Ihr dennoch, dass sich „geeignete“ Anwärter auf die Titel finden werden?
Ja, es werden sich geeignete Kandidatinnen und Kandidaten auch außerhalb von erbrachten Leistungen bei Welt- und Europameisterschaften finden lassen. Herausragende Leistungen bei Deutschen Meisterschaften und im Weltcup können sicherlich etwas mehr in den Fokus rücken als in vorherigen Jahren.

Wird der Sport „danach“ womöglich generell ein anderer sein?
Das bleibt abzuwarten, denn in diesen Zeiten können wir nicht allzu weit in die Zukunft schauen. Fakt ist, dass sich auch der Sport hinsichtlich seiner Planungen beweglich zeigen muss.

Nachdem der Fußball wieder rollt,  und die UCI einen prallvollen Rad-Herbst-Kalender präsentiert, die Frage ob Ihr Verband ebenso in Vorausplanungen für einen „heißen Herbst“ ist?
Glücklicherweise dürfen in einigen Bundesländern schon jetzt wieder Reitturniere unter strengen Hygienemaßnahmen stattfinden. Fraglich bleibt, wie sich die Situation international weiterentwickelt. Wir müssen hoffen, dass die positiven Entwicklungen der Neuinfektionen in Europa anhalten. Die meisten Reiterinnen und Reiter und viele Veranstalter stehen in den Startboxen. Sie warten darauf, den Weg zurück in die sportliche Normalität gehen zu dürfen.

Foto: FN-Archiv

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