Sportler des Jahres - Artikel nach Datum gefiltert: August 2018

Polizistin mit 140 km/h durch die Eisröhre

Das Leben von Skeletonpilotin Jacqueline Lölling, die sich kopfüber mit bis zu 140 km/h in die Eisröhren stürzt, verläuft unverändert im Turbo-Tempo. Ende 2017 im Rahmen der Gala „Sportler des Jahres“ zur besten „Newcomerin“ gewählt, holte sie in PyeongChang olympisches Silber. Und nun beendete sie im Rahmen einer Feierstunde in der Bundespolizeischule Bad Endorf ihre Ausbildung.  Die 23-Jährige ist jetzt Polizeimeisterin, damit kann sie sich noch konsequenter ihrem rasanten Sport widmen. Es geht mit Ultra-Speed weiter.

2012 hatte „Jacka“, wie sie alle nennen, bei den Youth Games Gold gewonnen, 2017 die Titelehren als jüngste Weltmeisterin – und dann die gelungene Olympia-Premiere am Ende eines nervenaufreibenden Wettbewerbs. Zuvor hatte ein Teil der Prämie für die Auszeichnung zur „Newcomerin des Jahres“ (8000 Euro) ihrem Heimatverein RSG Hochsauerland die Existenz bewahrt. Die Worte ihres völlig überraschten Präsidenten klingen noch in ihren Ohren: „Damit hast Du den gesamten Verein und unsere Nachwuchsförderung gerettet.“ Im Hochsauerland bleibt Skeleton damit weiterhin im Fokus.

Sechs Monate aber beschäftigten nun lernintensive Inhalte die Sportlerin. Das duale Ausbildungssystem der Bundespolizei ist einzigartig – aber ebenso kompromisslos wie hart. So verlief fast jeder Wochentag: „Um sieben Uhr antreten. Danach Unterricht in den Fächern Einsatzrecht, Gesetze, Kriminaldienst, Verfassungsrecht, politische Bildung. Bis 15.30 Uhr, eine halbe Stunde später dann Trainingsbeginn.“ Jacqueline Lölling steht gerne als Guide für eine Inspektion der Räumlichkeiten zu Verfügung. Und Bad Endorf bietet quasi alles: die Athleten (zu Jackas Klasse gehörten noch zwei Rodler, eine Langläuferin und eine alpine Skiläuferin, ein Kombinierer und ein Skispringer) nutzen den Kraftraum mit all seinen „Marter“-Geräten, Tartan-Laufbahn, Ballsport-Anlage usw. „Die Bedingungen hier sind top, aber nach dem Sport ist abends noch Lernen angesagt.“

Hinter Lölling liegen vier Ausbildungsjahre, die sie mit Noten von 2 und besser abschloss. Auch die Uniform steht ihr blendend. Es sei immer ihr Wunsch gewesen, einmal in diesem Bereich tätig zu sein. Jetzt ist es vollbracht, obgleich für die Absolventen die Tatsache „Wir sind jetzt Polizisten“ noch etwas unwirklich klingt.

Das wird sich ändern. Nach der aktiven Laufbahn in den Eisrinnen dieser Welt steht der berufliche Weg offen. Dafür hat sich die Sportklasse nahe des Chiemsees intensiv vorbereitet. Auf dem Gelände findet sich zum Beispiel die Nachbildung eines Bahnhofes mit graffiti-verschmierten Automaten, um unerlaubte Gegebenheiten hautnah zu simulieren und zu trainieren. Einsätze mit Streifenwagen oder im Polizei-Helikopter gehören natürlich ebenso zum Programm wie komplexe Theorie.

Nach dem Coup in Südkorea blieben nur ganz wenige Tage, die Glücksmomente zu genießen. Aber der Empfang zuhause blieb für immer haften. Für die Karnevals-Begeisterte, die die tollen Tage sonst immer an irgendeinem fernen Wintersportsort verbringt, wurde ihrem Heimatort Brachbach ein kompletter Karnevals-Umzug mit zig Wagen und 750 Personen organisiert. Dann folgte der Empfang vor 2000 Jacka-Fans in einem Festzelt. Noch heute muss sie mit den Tränen kämpfen. „Dass die ganze Heimat so mitfieberte, einfach unbeschreiblich“ macht sie fast sprachlos – und zeigt gerne das Video auf ihrem Handy.

Dann leitet die Newcomerin von 2017 zu den Zielen des Winters 2018/19 über: mit den Weltmeisterschaften in Whistler, Austragungsstätte der olympischen Vancouver-Entscheidungen von 2010 – auf der „anspruchsvollsten Bahn“ der Welt. „Vor dem ersten Start hatte ich damals auch gezittert.“ Nun heißt die Vision WM-Medaille. Dafür beginnt ein anspruchsvolles Training, „sechs Tage die Woche, denn im Sommer wird teilweise härter als im Winter gearbeitet.“ Bilder von künftigen Podiumsplätzen will sie dann umgehend nach Bad Endorf mailen, zur Erweiterung der „Foto-Hall of Fame“ von siegreichen Bundespolizei-Sportlern. Eine Einrichtung, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe.  

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EC: Der Plan ist aufgegangen

Als auf Frank Kowalski im Olympiastadion der x-te Gratulant zusteuerte, verneigte sich der „Macher“ der Leichtathletik-EM. Alle hätten am richtigen Strang gezogen und vor allem die Aktiven mit ihren Leistungen den Erfolg ermöglicht, so der große Drahtzieher ganz bescheiden. Die „Berliner Morgenpost“ fasst in ihrem Leitartikel zusammen: „Der Plan ist aufgegangen.“ Schön für die Hauptstadt, schon immer mit BER und jüngst mit Zick-Zack-Radwegen und Wohnraum-Problemen nicht gerade für zielgenaues Werken bekannt. Die Fans feierten belgische Staffelläufer, norwegische Brüder als wären die an der Spree zuhause. Und wenn die DLV-Stars ihre Spikes auf Hochtouren brachten, schien die Arena zu vibrieren. Exemplarisch der Samstag, als 60 500 Zuschauer für eine „sensationelle Atmosphäre“ sorgten, wie sich Robert Bartko, im Jahr 2000 Doppel-Olympiasieger mit dem Bahnrad, als nahezu geplätteter Gast ausdrückte.
Was Berlin auf die Beine stellte, könnte beispielhaft sein. Für Veranstalter von sportlichen Großereignissen in Deutschland, die sich an fußball-lose Herausforderungen wagen. Es lief: der Anklang der Fans, der überspringende Funke auf die einheimischen Athleten, die Außenwirkung. Auch ein Sommermärchen. Und das ja nicht nur in Berlin. Glasgow mit sechs weiteren Sportarten (Rudern, Schwimmen, Turnen, Triathlon, Radsport, Golf) erlebte Parallelen. Die Menschen am Clyde waren stolz, europäische Eliten beherbergen zu dürfen. Die Sportler, von Wasserspringern bis Madison-Bikern und Freiwasser-Schwimmern konnten das Interesse an ihrem Tun kaum begreifen. Minutenlange Interviews bei ARD und ZDF mit Bundestrainern, die sonst höchstens nach der Regionalliga-Berichterstattung zu Wort kommen.
Man darf sich ziemlich sicher sein, dass die II EC 2022 stattfinden werden, vielleicht mit mehr internationalen Verbänden, die diesmal noch im Abseits standen, aber die mediale Wirkung kein weiteres Mal verpassen wollen. Und offenbar liegen bereits Interessen-Bekundungen von Städten vor, die das auf Nachhaltigkeit und Etat-Begrenzungen fokussierte Konzept bejahen. Die European Championships: eine Gala, die auch andere stemmen können.
Für die deutschen EC-Teilnehmer waren die Kontinental-Titelkämpfe mehrheitlich ein „Burner“. 13 Siege. Aus Glasgow reiste zum Beispiel Wasserspringerin Tina Punzel mit einem kompletten Medaillensatz ab. In Berlin feierten die Fans, ob im Stadion oder am Breitscheidplatz, sechs Goldkinder. Am vorletzten Tag kamen die Zuschauer aus dem Jubeln gar nicht mehr raus. Hochspringer Mateusz Przybylko (26) und Weitspringern Malaika Mihambo (24) schrieben sich in die Geschichtsbücher ein, fast im Minutentakt. Und glänzten hinterher, ob in der Mixed Zone, im Deutschen Haus oder bei der Medaillenzeremonie, durch Sympathie und druckreife O-Töne. Aktive, die sich die deutschen Journalisten für die Sportler-Wahl merken sollten. Ganz frisch im Gedächtnis: der Endspurt von Gesa Felicitas Krause (2017 Gewinnerin des Sparkassenpreis für Vorbilder im Sport) über 3000 m Hindernis kurz vor der Abschlussfeier. Das Happy End einer so problematischen Saison. „Danke Berlin“, so der meistzitierte Satz der erfolgreichen DLV-Athleten. Die olympische Kern-Sportart offenbarte auf der blauen Tartanbahn wieder einmal ihr schönstes Gesicht. Gewann neue Freunde und Bewunderer – das wird man auch bei der Gala „Sportler des Jahres“ Mitte Dezember in Baden-Baden nochmals erleben.

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King Arthur: Ein Held von Berlin

Von Berlin bis nach Baden-Baden sind es – laut Routenplaner Stadtmitte zu Stadtmitte – 710 Kilometer. Manchmal ist es aber auch nur ein schneller Schritt, ein kräftiger Wurf, ein weiter oder hoher Satz, der die Kurstadt von der Bundes-Metropole trennt. So wie bei den deutschen Leichtathlet(inn)en, die derzeit im Olympiastadion bei der EM fleißig Medaillen sammeln und damit Ansprüche auf Titel oder zumindest vordere Plätze bei der Wahl zu den „Sportlern des Jahres“ im Dezember nachdrücklich geltend machen.
Wie beispielsweise der neue „König der Athleten“, Arthur Abele. Ähnlich wie weiland 1978 Handball-Guru Vlado Stenzel wurde der Ulmer nach dem finalen 1500-m-Lauf der Allrounder mit Pappkrone auf die Ehrenrunde ins weite Rund des ausverkauften Stadions geschickt. Oder die Beiden, die den Status des (deutschen) Mannes als früherer Jäger so nachdrücklich demonstrierten. Niemand vermag den Speer besser zu werfen als Thomas Röhler, der sich knapp vor seinem Teamkameraden Andreas Hoffmann die Goldmedaille sicherte. Drei Athleten wie aus dem Bilderbuch.
Nach drei Finaltagen haben die Vertreter des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) neun Medaillen in allen Farbschattierungen gesammelt. Einen grandiosen, wenn auch nicht mit Edelmetall belohnten Abschied feierte der Mann, der In Baden-Baden von 2012 bis 2014 ununterbrochen auf der obersten Sprosse stand: Diskus-Hüne Robert Harting. Einer, der die Vorzüge verkörpert, die man mitbringen muss, um als Sportler oder Sportlerin des Jahres ausgezeichnet zu werden: Nicht nur Podiumsplätze ergattern, sondern auch den Mund aufmachen: mündig sein, ein Vorbild für die Jüngeren in vielen persönlichen und charakterlichen Eigenschaften zu sein.
Bis Sonntagabend geht die LA-Messe in Berlin. Im Fokus bis zum letzten Wettbewerb, der 4x100-m-Staffel der Männer, sind weitere Darsteller/innen, die am 16. Dezember vom moderierenden ZDF-Duo Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne auf die Bühne im Kurhaus von Baden-Baden gebeten werden.

Bild: picture alliance

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EM-Heroes von Glasgow

Einige hitzegeplagte Mitteleuropäer sind jetzt Schottland-Fans. Das liegt an den Temperaturen (17 Grad am Nachmittag) und reichlich Regen – vor allem aber an den European Championships. Die ersten „Sommerspiele des Kontinents“ mit Titelkämpfen in sieben Sportarten sind ein Renner. Die Summierung hochkarätiger Entscheidungen erweist sich als Highlight. Die nach Glasgow gereisten Aktiven sprechen von „olympia-ähnlichen“ Verhältnissen. Vieles perfekt inszeniert – allein die Präsentation der Schwimm-Wettbewerbe gleicht, dank Lichteffekten und Indoor-Feuerwerk einem Becken-Event der Extraklasse.

Und die Medien steht Gewehr bei uns. Stundenlang übertragen ARD und ZDF aus Schottland, plötzlich wird ausführlich über Disziplinen berichtet, die es sonst nicht einmal bei Weltmeisterschaften ins Programm schaffen. Der Nicht-Fußball-Part erhält eine nie gekannte Plattform. Und die Quoten „sind prima“, liegen über den Erwartungen, wie ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann ausführte. Auch die deutschen Sportler nutzten die unerwartete Showbühne für ihre Demonstration. In erster Linie die Bahnfüchse gaben ihren Hightech-Maschinen die Sporen. In der täglich ausverkauften Arena erlebte der Bahnradsport, national schon fast beerdigt, eine Renaissance. Gold für Stefan Bötticher (Keirin), Lisa Brennauer (3000-m-Verfolgung) und Domenic Weinstein (4000-m-Verfolgung). Sie dürfen sich schon sicher fühlen, zum Jahresende eine Einladung zur Gala „Sportler des Jahres“ (am 16. Dezember) zu erhalten. Inklusive einer Hoffnung auf Top-Ten-Platzierungen beim 71. Votum der Sportjournalisten.

Zudem hagelte es Silber- und Bronzemedaillen. Das Sir-Chris-Hoy-Velodrome: Boom-Town für die Tempobolzer des BDR. Bundestrainer Detlef Uibel, für die Sprint-Abteilung zuständig, blickt jetzt schon optimistisch Richtung Tokio 2020.

Bemerkenswert die Neugeburt einer Problem-Sportart. Am eigenen Schopf aus dem Wasser gezogen, ist man geneigt, über die Schwimmer zu philosophieren. Der Sieg in der 200-m-Freistil-Mixed-Staffel war der emotionale Höhepunkt. Youngster Florian Wellbrock (20) sicherte sich auf der längsten Distanz (1500 m) EM-Gold – mit der viertschnellsten Zeit auf der Welt. Und nun kennen die TV-Zuschauer auch das Tattoo des Bremers. „Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig.“

Die Ruderer, in Verkennung der Bedeutung der European Championships mit einer zweiten Garnitur auf die britische Insel gereist (der Fokus liegt auf der WM nächsten Monat in Bulgarien), zahlten Lehrgeld. Konnten sich aber einmal mehr auf den Achter verlassen. Es wirkte fast easy, wie Team D sich im Finale den Titel sicherte. Doch Richard Schmidt, Dauerbrenner im DRV-Flaggschiff, sprach von brutal harten Herausforderungen, weil die Konkurrenz die Taktik des Weltmeisters mit schnellen Starts konterkarieren will. Nützte nichts. Coach Benders Recken fahren in einer anderen Liga. Erfolgreich wie die European Championships, in dieser Woche durch die Leichtathletik-EM in Berlin quasi „geadelt“. Eine Premiere der gelungenen Art. Bitte weitermachen

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Christina Schwanitz mit dem goldenen Impuls?

Zwei Wissenschaftler und Trainer Sven Lang paukten mit Christina Schwanitz Hüftschwung, Anlaufschritte, Drehungen und eben alles, was so zum Kugelstoßen gehört. Wenige Tage vor den Europameisterschaften sprach Christina gern mit uns und sah es als gutes Omen an, im Trainingscamp Kienbaum, mitten im märkischen Kiefernwald, Besuch von der ISK zu bekommen. „Es war für mich 2015 in Baden-Baden ein ganz großes Erlebnis“, erinnert sich Christina mit einem gewinnenden Lächeln. Die gebürtige Dresdnerin war damals als Weltmeisterin mit einem 20,77 m-Wurf von den deutschen Sportjournalisten zur „Sportlerin des Jahres“ gekürt worden. Sie setzte damit die große Tradition deutscher Athletinnen wie Olympiasiegerin (1996) Astrid Kumbernuss oder der Olympia-Zweiten (2004) Nadine Kleinert fort. Im Februar 2017 bei den Hallenmeisterschaften katapultierte sie die Eisenkugel noch einmal auf die Umlaufbahn zum Meistertitel. „Danach genoss ich das normale Leben ohne Sport“, blickt sie zurück. Der Grund für den Break: „Ich war schwanger und wollte bewusst keinen Sport treiben“, sagt die Powerfrau vom LV 90 Erzgebirge. Im Juli 2017 erblickten Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge, das Licht der Welt.

Die Namen? „Wird nicht verraten, schreibt einfach, es sind meine Krümel“, versucht die Topathletin ein Geheimnis zu hüten. Am 2. Januar dieses Jahres wagte Christina dann den Neuanfang: „Ich wollte beweisen, dass man als Mutter Leistungssport betreiben kann. Natürlich knackten die Gelenke. Ich benötigte Zeit, bis alles so wie früher war. Es gab harte Momente, aber da muss man durch.“ Vor Schwanitz setzten zum Beispiel auch die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss, die Kanutin Birgit Fischer oder die Ruderin Katrin Boron als Mütter ihre Sportkarrieren erfolgreich fort. „Aber mit Zwillingen bin ich die Erste“, sieht die Heldin des Rings ihre Ausnahmerolle. Nur wurmt es Christina, wenn sie beim Wettkampf als Zwillingsmama angekündigt wird. „Ich trete doch wegen meiner Leistungen an und nicht wegen der Zwillinge.“ Recht hat sie.

Übrigens ohne die Unterstützung von Ehemann Tomas würden sich in Christinas Händen zu Hause in Chemnitz statt Eisenkugeln bestenfalls noch sächsische Kartoffelklöße drehen. „Wenn die Kinder weinen, steht Tomas nachts auf und lässt mich schlafen“, verrät die Ex-Weltmeisterin. Auch das Leben der Familie Schwanitz sorgt für Extreme. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Nach dem Frühstück kutschiert die stolze Mutti zur Krippe. „Danach habe ich zwei bis drei Stunden Zeit für mein Training“, schildert Christina, die im Juli in Nürnberg mit der Weltklasseweite von 20,06 m einen weiteren deutschen Meistertitel in ihre sportliche Bilanz eintragen ließ. Mit dem Trainingslager ist es für die jungen Mütter nicht ganz einfach. „Wenn Männer Väter werden, macht ein Trainingslager kein Problem. Bei uns Müttern sieht das schon anders aus. Die Kinder müssen gestillt werden.“ Also reiste die Familie Schwanitz im Frühjahr mit Mutter, Vater sowie Krümel &Krümel nach Südtirol ins Trainingslager.

Selbst Trainer Sven Lang staunt: „Christina hat alles gut im Griff.“ Beileibe nicht nur im Kugelstoßring. Zwei Wochen vor den Meisterschaften brachte die Sportsoldatin auch die letzte Prüfung auf die Reihe. Und nur kurz fuhr der Schreck in Glieder, als Christina auf dem Weg zum ZDF-Sportstudio in einen Unfall verwickelt wurde. „Zum Glück konnte ich nach kurzer Behandlung gleich wieder trainieren“. Ein Indiz mehr, dass die 32-Jährige im Berliner Olympiastadion im Kugelstoßring dem Eisen einen goldenen Impuls zu geben vermag.

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„Schmetter­ling“ Klenz hebt ab

„Meine Kinder werden niemals Schwimmer“, schimpfte Eva Herbst. Die DDR-Sportfunktionäre hatten Eva vor die Frage gestellt. Du oder dein Mann Jochen! Es ging 1970 um die Europameisterschaften in Barcelona. Ein Ehepaar gemeinsam im westlichen Ausland, da bekamen Funktionäre an der Pleiße kalte Füße. Die beiden Leipziger hätten ja in die verkehrte Richtung schwimmen können. Eva, gerade 20, war stink sauer, beendete von heute auf morgen ihre Karriere und studierte Pädagogik. Später bereute sie ihren schnellen Sprung aus dem Schwimmbecken. Zum Glück machte sie ihr Vorhaben bezüglich ihrer Kinder nicht wahr. Sabine und Stefan entwickelten sich zu wahren Wasserratten. Eva Herbst selbst stieg 1985 beim SC DHfK als Trainerin ein und führte neben anderen Schwimmern ihre beiden Kinder zwischen 1996 und 2008 zu jeweils vier Olympischen Spielen. Enkel Ramon Klenz pflügt jetzt in der Hamburger Dulsberg-Schwimmhalle unter Aufsicht seines Trainers Veith Sieber durch das Wasser. „Nach meinen guten Ergebnissen bei den Deutschen Meisterschaften will ich bei der EM in Glasgow noch etwas zulegen“, redet sich Ramon Klenz stark.

Moralische Unterstützung holte er sich gelegentlich bei Oma und Opa in Leipzig. Auf alle Fälle kann er seinen 20. Geburtstag am 2. August zusätzlich mit einem EM-Ticket in der Tasche feiern. Aufgrund seiner Topleistungen im Berliner Schwimmbecken nominierten die Trainer den Hamburger als einzigen Schwimmer nach. „Ramon entpuppte sich als Senkrechtstarter der Meisterschaften. Seine Leistungen imponierten mir. Er wurde einstimmig für die EM nachgemeldet. Vor den Titelkämpfen gehörte er noch nicht zum 31-köpfigen DSV-Aufgebot. Vielleicht kann sich Ramon als Nummer 32 von hinten ganz nach vorn auf das Podest schwimmen. „Einfach wird das nicht, denn über 400-m-Lagen spüre ich auf der Bruststrecke noch leichte Defizite“, gibt Ramon zu.

Über seine deutsche Rekordstrecke (200 m Schmetterling) sieht es bei einer Zeit von 1:55,76 Minuten besser aus. Er zerschmetterte dabei den 32 Jahre alten deutschen Rekord von „Albatros“ Michael Groß um 48 Hundertstelsekunden. „Doch auch das wird keine Badekur“, analysiert Bundestrainer Lambertz die Bestenliste. Den Europarekord hält der Ungar Laszlo Cseh mit 1:52,70 Minuten. Allerdings stammt die Zeit aus dem Jahre 2009. Vielleicht kann Ramon die Liste deutscher Weltrekord-Schmetterlinge wie Hans Faßnacht, Gerhard Hetz und Michael Groß (übrigens alle zu „Sportlern des Jahres“ gekürt) sowie des Ostdeutschen Roger Pyttel fortsetzen.

„Ramons Resultate sehe ich als ein Ergebnis der guten Zusammenarbeit zwischen dem Hamburger Trainer Veith Sieber und unserem Verband. Sieber setzt unser Kraftkonzept voll um. Ramon schafft Kniebeuge mit 150 Kilo auf den Schultern. Damit ist er bei den Schwimmern Spitze“, lobt der Bundestrainer. Der Hamburger Ramon Klenz stammt aus einer alten sächsischen Schwimmer-Dynastie. Oma Eva (geborene Wittke) und Opa Jochen Herbst starteten 1968 bei den Sommerspielen in Mexiko für die DDR in den Lagenstaffeln. Eine Zeit lang trainierte Sabine Herbst mit den Olympiastars Kristin Otto (sechsmal Gold) und Silke Hörner (zweimal Gold) in einer Gruppe. Nach der Wende wechselte Sabine zur SSV Leutzsch, wo Vater Jochen Vereinsvorsitzender war. Sie heiratete den Schwimmer Karl-Heinz Klenz. Bei den Weltmeisterschaften 1998 im australischen Perth startete Sabine über die Lagen-Strecken, da war sie bereits schwanger. Ramon erblickte am 2. August 1998 in Leipzig das Licht der Welt und ist, wenn man so will, schon im WM-Wasser zu Hause. Mutter Sabine heißt jetzt Krauß und drückt ihrem Sohn die Daumen. „In Glasgow eine Medaille, das wäre ein Traum“, meint Ramon. Aber wie gesagt, mit der nationalen Rekordzeit wird es eng für einen Schmetterlings-Flug auf das Siegerpodest. Da muss der Sachse von der Alster einen Zahn zulegen.

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