„Jede Medaille ist etwas Besonderes“

Etwas frische Luft wäre super,“ lachte Franziska Brauße, nachdem sie nach gewonnener Silbermedaille die Mixed-Zone auf der Radrennbahn des Chris-Hoy-Velodroms in Glasgow durchschritt. Die Temperaturen im Innenraum näherten sich 30 Grad. Die vollbesetzte Halle, die vielen Teilnehmer, das alles machte den Arbeitsplatz für die 24-Jährige aus Eningen in Württemberg nicht angenehm. Die Luft war stickig, das Atmen fiel schwer, erst recht nach einer solchen Leistung.

Vize-Weltmeisterin war sie gerade geworden, geschlagen nur von der aktuellen Weltrekordhalterin Chloe Dygert aus den USA, die die Konkurrenz fast auffrisst. „Eigentlich müsste ich mich freuen, hätte Grund zum Lachen, aber tatsächlich bin ich schon ein bisschen enttäuscht, dass ich das Finale verloren habe, auch wenn es keine Schande ist, gegen die Weltrekordhalterin zu verlieren“, sagte Franziska Brauße nach dem Verfolgerfinale in Glasgow. „Aber als Titelverteidigerin möchte man seinen Titel natürlich gern behalten.“ Das klappte nicht. Dafür war Brauße die einzige Deutsche, der es in Glasgow gelang, eine Medaille in einer Ausdauerdisziplin zu gewinnen. Und für ‚Franzi‘ war es bereits die vierte WM-Einzelmedaille in der Einerverfolgung in Serie. 2020 in Berlin gewann sie Bronze, hinter der neuen Weltmeisterin Dygert und Lisa Brennauer. 2021 holte Brennauer Gold, Brauße Silber. 2022 wurde sie in St. Quentin-en-Yvelines Weltmeisterin und in diesem Jahr wieder WM-Zweite.  „Jede Medaille ist etwas Besonderes. Ich denke, ich kann mich ein paar Stunden später auch über dieses Silber freuen.“

Aber sie liebt auch die Harmonie im Vierer. Wie im Rausch sei das Jahr 2021 gewesen, erinnert sie sich: Olympiasieg, WM-Titel, Weltrekord, EM-Titel und am Jahresende auch noch „Mannschaft des Jahres“ in Baden-Baden. Optimal. Doch dieser Flow war in Glasgow verflogen, weggefegt vom schottischen Nebel, der sich so oft über die Täler legt. Diesmal drückte er den deutschen Damen aufs Gemüt. Der Vierer lief nicht rund. Das Quartett, dass sich auch nach dem Karriereende von Lisa Brennauer international weiterhin in der Spitze bewegte, patzte, zum ersten Mal seit Jahren. Nach Bronze bei der EM zu Jahresbeginn in der Schweiz ging der deutsche Frauen-Vierer diesmal leer aus. 4:18.527 Minuten waren zu langsam. Die Mannschaften, die in Glasgow um die Medaillen fuhren, kurvten um bis zu neun Sekunden schneller ums Oval als Brauße, Lisa Klein, Mieke Kröger und Lena Charlotte Reißner, die anstelle von Laura Süßemilch eingesetzt wurde. Das sind Welten. Der Vierer hatte an diesem Tag seine Harmonie verloren, lief nicht rund, „zerlegte“ sich, nachdem Charlotte Reißner plötzlich das Hinterrad von Lisa Klein nicht mehr halten konnte.

„In den letzten Jahren hat es bei uns immer super geklappt, auch nach Lisas Karriereende. Jetzt ist das mal passiert, aber wir werden wieder angreifen,“ sagte Brauße nach der Niederlage. „Ich mag es, als Team zu gewinnen, wenn man weiß, man kann sich auf alle verlassen.“

Weil das in Glasgow in die Hose ging, werden Brauße und Co den Kopf nicht in den Sand stecken, denn in der Qualifikation lag das deutsche Quartett mit 4:15,035 Minuten noch auf Schlagdistanz zu Bronze. Der Abstand zwischen Platz drei und sieben: gerade einmal eine Sekunde.

„Wir wollten etwas probieren, und das hat leider nicht funktioniert,“ analysierte Bundestrainer André Korff. Bis Olympia habe man noch genau ein Jahr Zeit.

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