In jeder Disziplin eine Medaille

Nach dem letzten Interview noch ein Handshake mit einer Gratulantin, dann verschwand Lea Sophie Friedrich aus dem Chris Hoy Velodrome von Glasgow, es war wieder spät geworden: Siegerehrung, Interviews…, und das vier Mal in sieben Tagen. Das braucht Zeit. Die 23-Jährige hat in allen Disziplinen, in denen sie an den Start ging, eine Medaille gewonnen: Gold, Silber, zweimal Bronze. Dass sie im letzten Wettbewerb des Abends den Titel der Britin Emma Finucane überlassen musste, konnte sie bald verschmerzen.

„Ich bin sehr, sehr glücklich über die Silbermedaille, auch wenn es am Anfang nicht so aussah. Ich habe alles gegeben, habe mir absolut nichts vorzuwerfen. Emma Finucane ist einfach sehr stark gefahren im Finale. Ich habe noch versucht an ihr vorbei zu fahren, aber es hat nicht gereicht.“

Nach der erfolgreichen WM startete die Wahl-Cottbuserin erst einmal in den verdienten Urlaub. Zwei Wochen ausspannen, zunächst auf Ibiza, dann in Frankreich, wo sie Mathilde Gros trifft. Gemeinsam wollen sie essen gehen. Auf der Bahn sind sie seit der Juniorenzeit erbitterte Gegnerinnen, privat befreundet. „Ich freue mich auf diesen Urlaub, es wird der letzte sein vor Olympia,“ weiß die hochdekorierte Sportlerin.

Acht WM-Medaillen hat sie inzwischen gesammelt, dazu sechs EM-Titel. Was noch fehlt ist Olympisches Gold. Das will sie nächstes Jahr gewinnen, in Paris, bei ihren zweiten Spielen nach Tokio. „Ich nehme viel mit von diesem WM-Turnier, werde viel Kraft daraus schöpfen und weiter an gewissen Kleinigkeiten arbeiten. Ich habe in jeder Disziplin hier eine Medaille geholt, darauf kann ich stolz sein. Jetzt richtet sich der Fokus auf Olympia, das wollen wir rocken. Der Rückenwind für Paris ist sehr stark.“

Friedrich hat in Glasgow abgeliefert. Auch mental scheint die gebürtige Mecklenburgerin einen weiteren Schritt gemacht zu haben. „Ich weiß auch, dass die Gegner immer auf einen schauen, weil sie wissen, dass wir Deutsche immer konstant oben waren. Das merkt man auch. Das muss man taktisch miteinfließen lassen", erklärte die achtmalige Weltmeisterin. Und auch der große Sir Chris Hoy war mächtig beeindruckt. Der sechsmalige Olympiasieger arbeitete bei der WM für BBC und interviewte die Deutsche mehrmals. „Sie ist großartig, so fokussiert, und dann auch wieder locker,“ lobte das britische Radsport-Idol die Deutsche.

Gleich zu Beginn beeindruckten die deutschen Sprinterinnen mit Gold im Teamsprint. Lea Sophie Friedrich, Emma Hinze und Pauline Grabosch pulverisierten den Weltrekord auf 45,848. So schnell war noch nie ein Trio auf der Bahn unterwegs - der vierte WM-Titel des Trios in Folge. Damit stehen sie schon jetzt auf der Vorschlagsliste als „Mannschaft des Jahres“ bei der Sportlerwahl 2023.

„Das ist cool, dass wir das wieder geschafft haben, echt Wahnsinn,“ jubelte Friedrich nach dem Finale. Und ließ weitere Medaillen folgen: Bronze im 500-m-Zeitfahren, Bronze im Keirin, ihrer Lieblingsdisziplin „Ja, ich habe mich zunächst sehr über mich geärgert, musste nach dem Rennen erstmal mit eigenen Emotionen klarkommen. Ich hätte einfach beim Angriff von Ellesse gleich reagieren müssen, das habe ich verpasst. Aber jetzt bin ich natürlich froh über diese Medaille,“ sagte sie.

Ihre erste internationale Medaille gewann Lea Sophie Friedrich 2017 bei den Junioren-Europameisterschaften 2017 in Portugal. Im Sprint und Zeitfahren wurde sie hinter der Französin Mathilde Gros Zweite, im Teamsprint raste sie mit Emma Hinze ebenfalls zur Silbermedaille. Seitdem saust die heute 23-Jährige von Erfolg zu Erfolg. Allein bei der Europa-Meisterschaft im Februar diesen Jahres in Grenchen/Schweiz feierte sie bei drei Starts drei Siege.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.