Mit zweimal Gold dem Druck getrotzt

Mit zwei gewonnen Goldmedaillen war Emma Hinze eine der Stars der Bahn-Weltmeisterschaften in Glasgow  und ist damit schon jetzt eine viel gehandelte Kandidatin für die Wahl zur „Sportlerin des Jahres“ 2023. Die 25-Jährige gewann zum Auftakt der Bahn-Titelkämpfe Gold im Teamsprint zusammen mit  Lea Friedrich und Pauline Grabosch, jubelte einen Tag später über ihren ersten WM-Sieg im 500-m-Zeifahren . Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Paris hat Emma Hinze in Schottland gezeigt, dass sie zu den aussichtsreichen Sportlerinnen bei Olympia 2024 gehört, auch wenn es zum Abschluss der Bahn-Wettbewerbe nichts mehr wurde mit einer weiteren Medaille im Sprint. Da wurde Emma Hinze undankbare Vierte.

„Der vierte Platz tut schon weh. Das hat mich an Olympia erinnert. Im ersten Moment habe ich so ein Déjà-vu." Die Luft sei raus gewesen. In Tokio war sie als Dreifach-Weltmeisterin angereist, und wurde Zweite im Teamsprint, was sie damals als Niederlage empfand. Heute kann sie damit besser umgehen. Die Enttäuschung in Glasgow war zunächst groß, doch Minuten später nahm sie es gelassener. „Im Sport ist Sieg und Niederlage eben dicht beieinander. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn man gewinnt", sagte sie im Chris-Hoy-Velodrome.

Emma Hinze ist eigentlich schon seit den Bahn-Weltmeisterschaften in Berlin im Februar 2020 ein Star auf dem Oval. Die gebürtige Hildesheimerin ist inzwischen achtfache Weltmeisterin, gewann Olympisches Silber in Tokio, hat fünf Goldmedaillen bei Europameisterschaften gesammelt und holte zuletzt alle vier Titel in den Kurzzeit-Disziplinen bei den Deutschen Bahnmeisterschaften in ihrer Wahlheimat Cottbus.

„Emma hat eine unglaubliche Willensstärke. Sie hat alles, was eine Sprinterin braucht: Schnelligkeit, Ausdauer, Biss“, schwärmt Bundestrainer Jan van Eijden über seine Athletin. Dieser Wille zum Sieg, der treibt sie immer wieder an. Aber sie hat auch gelernt, auf ihren Körper zu hören, verzichtet lieber auf eine Medaillenchance, statt sich zu überfordern. So sagte sie im letzten Winter die lukrative Champions League ab. „Mein Körper signalisierte mir, dass ich die Akkus wieder aufladen sollte. Seit drei Jahren habe ich auf keinen großen Wettkampf verzichtet“, erklärte sie die Nichtteilnahme.

Mentaler Druck

Emma Hinze verspürt aktuell mehr Druck, als zu Beginn ihrer Laufbahn, aber das hat sie im Griff. Daran hat sie im letzten Jahr mental gearbeitet. Als dreifache Weltmeisterin war sie bei den Olympischen Spielen in Tokio gestartet und stand sehr unter Beobachtung. „Alle sind voll gegen mich gefahren, jeder wollte mich schlagen. So eine Situation kannte ich vorher nicht. Aber daraus habe ich gelernt,“ sagt Hinze, die sich neben ihren eigenen Wettkämpfen auch sehr um den Nachwuchs in Deutschland bemüht.

Die Vielseitige

Im Winter absolvierte sie erfolgreich ein Trainerausbildung beim Bund Deutscher Radfahrer, außerdem hat sie zusammen mit Lebensgefährte Maximilian Levy die Nachwuchsserie „Sprinte wie Emma Hinze“ ins Leben gerufen. Ziel der Nachwuchsliga ist es, den Kurzzeit-Nachwuchs zwischen 15 und 19 Jahren zu fördern und neue Talente zu entdecken. „Ich möchte nicht nur über Nachwuchsförderung reden, sondern aktiv etwas tun diese mitgestalten,“ sagt sie. Die Serie findet großen Anklang bei Sportlern und Nachwuchstrainern, sie ist hoch professionell aufgezogen, es gibt Leadertrikots und lukratives Preisgeld. Was Emma Hinze anpackt, das macht sie richtig.

Begonnen hatte die Karriere zu Hause in Hildesheim auf der Straße. Aber schnell merkte Hinze, dass ihr der Bahnsport deutlich mehr liegt. Das Straßenrad nutzt sie nur noch zu Trainingszwecken, um Ausdauer aufzubauen. Sie fährt gern über die Dörfer, auch wenn sie den Spreewald sehr mag. „Aber um da hinzukommen, muss ich durch die ganze Stadt fahren. Deswegen ist es nicht meine Lieblingsstrecke,“ sagt sie. Die meiste Zeit trainiert sie ohnehin auf der Bahn oder im Kraftraum. Ein bis zwei Einheiten pro Tag, drei bis sechs Stunden an sechs Tagen die Woche.

Ihre ersten internationalen Erfolge feierte Emma Hinze 2014, als sie zusammen mit Doreen Heinze  Junioren-Europameisterin im Teamsprint wurde. 2016 holte sie ihren ersten Titel in der Eliteklasse, wurde Deutsche Meisterin im Keirin. Bei den Bahn-Europameisterschaften 2018 errang sie mit Miriam Welte Bronze im Teamsprint wie auch bei den Weltmeisterschaften 2019. 2020 gelang dann der große Coup bei der Heim-WM in Berlin, wo sie dreimal Gold gewann: im Teamsprint, im Keirin und im Sprint. Danach folgte Gold im Sprint und Teamsprint (2001) und im Teamsprint (2022). Außerdem ist sie fünffache Europameisterin.

Nicht auf Rekordjagd

Dass sie einmal Kristina Vogel überholen könnte, die mit elf WM-Siegen die erfolgreichste Bahnfahrerin überhaupt ist, daran verschwendet Emma Hinze keinen Gedanken. „Jeder Weg ist unterschiedlich, jeder Mensch ist unterschiedlich,“ sagt sie. Es seien andere Zeiten, meint die 25-Jährige. „Es hat in den letzten Jahren große Sprünge gegeben, die Siegerzeit von Rio würde heute nicht einmal mehr reichen, um sich fürs Olympische Sprint-Finale zu qualifizieren,“ sagt Hinze, die kritisiert, dass es so viele internationale Wettkämpfe auf der Bahn in so kurzer Zeit gibt. Innerhalb eines Jahres finden auf der Bahn zwei Welt- und zwei Europameisterschaften statt. „Das kenne ich von keiner anderen Sportart,“ sagt Hinze, die Glasgow trotzdem genossen hat. „Ich fand es cool, dass mal alle Radsport-Disziplinen zusammen an einem Ort präsentiert werden. Das war eine Chance, mehr Leute für den Radsport zu begeistern“, sagte sie.

Nach sieben harten Wettkampftagen war Emma Hinze froh, ihre Koffer packen und die Heimreise antreten zu können. Jetzt ist Urlaub angesagt, nach dieser langen und sehr ansprengenden Saison. Aber die Pause dauert nur kurz, denn in nicht einmal zwölf Monaten beginnen die Olympischen Spiele von Paris. Und da hat Emma Hinze ein Ziel: Gold!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.