Schwarz-rot-goldene Wundertüte

Die deutschen Fußballerinnen streben bei der WM in Australien und Neuseeland den dritten Stern an. Doch bei näherem Hinsehen türmen sich viele Zweifel an der Titelmission.
 Gut untergebracht sind die Spielerinnen im abgeschiedenen Quartier im australischen Bundesstaat New South Wales – das Turnier kann beginnen. Und Trainerin Martina Voss-Tecklenburg bleibt trotz doch eher ernüchternden Vorbereitungsspielen gegen die WM-Neulinge Vietnam (2:1) und Sambia (2:3) zuversichtlich. „Unsere Ziele haben sich nicht verändert. Wir wollen um den Titel spielen!“ so die 55-Jährige. Die DFB-Frauen stehen in der aktuellen FIFA-Weltrangliste auf Platz zwei hinter Rekordweltmeister USA. Und nach dem knapp verpassten EM-Titel im vergangenen Sommer mit der Rekordeinschaltquote von fast 18 Millionen TV-Zuschauern beim Finale gegen England (1:2 nach Verlängerung) wäre öffentlich kein anderes Ziel vermittelbar gewesen als jenes, dass in einer bundesweiten Plakataktion mit dem Konterfei von Alexandra Popp ausgespielt wird: „Wir, die mit Stolz für unser Land spielen. Und um den 3. Stern.“ Also sollen Popp und Co. bitte mit dem dritten Titel nach 2003 und 2007 aus Down Under zurückkehren.
Dennoch ist dieses Ensemble als schwarz-rot-goldene Wundertüte nach Australien geflogen. Die letzte überzeugende Leistung bot das Nationalteam auch nach Dafürhalten der Bundestrainerin im November in den USA (2:1), danach folgten durchwachsene Auftritte gegen Schweden (0:0) und die Niederlande (1:0) und eine ernüchternde Darbietung im April gegen Brasilien (1:2). Voss-Tecklenburg liefert für vieles Erklärungen, weil sie oft Rücksicht auf den VfL Wolfsburg und FC Bayern genommen hat, wobei der Meister aus München zum Dank seine fünf Nationalspielerinnen nicht rechtzeitig abstellte.
„MVT“ war hinter den Kulissen mächtig sauer, aber auch von ihrer Mannschaft fordert sie jetzt mehr: eine andere Mentalität und Körperlichkeit, ein besseres Zweikampf- und Abwehrverhalten. Aus ihrer Sicht kommen acht, neun Teams für den WM-Titel infrage, der Kreis scheint tatsächlich groß wie nie. Voss-Tecklenburg sagt: „Dass wir Fehler minimieren wollen, steht außer Frage. Ich bin total optimistisch, weil ich meinen Spielerinnen absolut vertraue. Wir streben in erster Linie mal den Gruppensieg an.“
Der Aufgalopp mit Marokko (24. Juli), Kolumbien (30. Juli) und Südkorea (3. August) darf kein Stolperstein sein, aber schon im Achtelfinale würde mit Frankreich oder Brasilien wohl eine richtig hohe Hürde warten. Letztlich hängt auch die Bewertung der Arbeit der Bundestrainerin, die bei der WM 2019 am zu frühen Ausscheiden im Viertelfinale gegen Schweden einige Mitschuld trug, am sportlichen Erfolg. Sie selbst sei ja nicht blauäugig für das Worst-Case-Szenario: „Sollten wir im Achtelfinale ausscheiden und die Leute meinen, ich wäre vielleicht nicht mehr die Richtige für die Aufgabe, kann es ganz schnell in eine andere Richtung gehen.“
Einerseits hat sie so vieles auch abseits des Platzes angeschoben und trifft bei gesellschaftlichen Themen den richtigen Ton, so dass der DFB auf solch eine gute Botschafterin gar nicht verzichten will, andererseits kann sich der Verband nicht auch noch das Scheitern des nächsten Aushängeschilds erlauben. Die A-Nationalmannschaft der Männer hat ein Jahr vor der Heim-EM ihr Publikum vergrault, die U21 die EM in Georgien und Rumänien im Anschluss in den Sand gesetzt hat.
So hat der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, gesagt: „Natürlich würde ich mich freuen, wenn unsere Frauen die deutschen Fußballfans in dem Sommer noch mal wach küssen könnten.“  Doch Voss-Tecklenburg gefallen diese Quervergleiche eigentlich gar nicht. „Wir wollen unsere Leistung bringen – unabhängig davon, was im direkten Umfeld passiert.“ Sie sieht ihr Ensemble, das bei der letzten Wahl zur „Mannschaft des Jahres“ Platz 3 erreicht hatte, nicht in der Rolle, irgendeine Ehre zu retten, „sondern wir haben einen eigenen Anspruch“.

Von Frank Hellmann
Bild: picture alliance

 

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