Everybody´s Mama

Am 8. August wird Tatjana Maria 35 Jahre alt, und insofern war die Überschrift eines großen Internetportals vor acht Tagen doch eher kurios: „Deutschland hat einen neuen Tennisstar“, schrieb gmx.de, die Süddeutsche Zeitung war noch kreativer: „Mama mit der Sense“, titelte sie über Maria, und das alles brachte die Geschichte, die die gebürtige Bad Saulgauerin in Wimbledon schrieb, auf den Punkt. Denn nie zuvor hatte eine Mutter zweier Kinder mit 34 ein Grand-Slam-Halbfinale erreicht. Und nie zuvor gelang das einer Athletin, die mit ihrem Rückhand- und Vorhandslice so unorthodox spielt wie die Nr. 103 der Weltrangliste. Abwehrspieler sind im Tennis so rar wie Orchideen am Südpol.

Ihr Unterschnittspiel, das auf Rasen noch effektiver ist, begünstigte das Wunder von Wimbledon. Die Griechin Maria Sakkari, Nr. 5 der Welt, verzweifelte daran in der dritten Runde, die bis dato Marias Grand-Slam-Rekord war. Und auch Jelena Ostapenko, US-Open-Siegerin von 2017, musste trotz zweier Matchbälle am Ende kapitulieren, ebenso wie Jule Niemeier im deutschen Überraschungs-Viertelfinale. Erst im Halbfinale gegen die Tunesierin Ons Jabeur, Nr. 2 der Welt und gute Freundin, die ab und an Babysitterdienste für Maria übernimmt, war Schluss mit dem Lauf, aber nach dem 2:6, 6:3, 1:6 war Maria längst zu Everybody`s Darling respektive Everybody`s Mama aufgestiegen. Denn dass eine Sportlerin 15 Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter alles bisher Geleistete sprengt und in punkto Beinarbeit und Fitness konkurrenzlos ist, rang nicht nur den englischen Tennisfans Jubel ab. „Tadde ist nach zwei Babys zurückgekommen, ich habe immer noch keine Ahnung, wie sie das gemacht hat. Sie ist physisch ein Monster. Ich liebe es, sie auf dem Platz so glühen zu sehen, sie ist eine Inspiration für uns alle“, sagte Jabeur.

Tatsächlich hat Tatjana Maria, ehemals Malek, gelernt, Rückschläge zu verkraften. Sie musste den frühen Tod ihres Vaters und Mentors verarbeiten und wäre nach einer Thrombose beinahe selbst gestorben, und ihr Spiel stagnierte lange. Aufgeben aber kam ihr nicht in den Sinn, schon gar nicht, als sie den französischen Trainer Charles-Edouard Maria kennenlernte, der ihr den Glauben zurückgab. Die beiden zogen nach Palm Springs in Florida, gründeten eine Familie und bilden heute eine Art Musterreiseunternehmen auf der Tour. Mama Maria hat ihren Weg gefunden, nun genießt sie die Ernte. „Ich liebe es, Mutter zu sein und Tennis zu spielen. Was in Wimbledon passiert ist, ist unglaublich“, sagte sie. Und es ist noch nicht ihr letztes Wort.

Bild: picture alliance

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.