Der Sport in eisigen Zeiten

Bei „Halbzeit“ der letzten Winterspiele hatte ZDF-Sportreporter Norbert König seine Eindrücke geschildert. Jetzt klappt er das olympische Peking-Buch zu – ganz unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse in der Ukraine.

Natürlich sollte sich eine Rückschau auf die Olympischen Winterspiele 2022 zunächst den Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahl zu Deutschlands Sportlerin, Sportler und Mannschaft des Jahres widmen. Doch eine Woche nach der Schlussfeier muss dieses Thema noch ein paar Zeilen zurückstehen, denn die Herzen werden von einem viel größeren, irreal wirkenden Ereignis berührt.
Es scheint, als würde sich für den altgedienten Sportjournalisten ein sportpolitischer Kreis schließen. Vom Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, am ersten Weihnachtstag 1979, bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Also vom Olympiaboykott 1980 bis zu diesem nacholympischen Moment, in dem ein großer Teil des Weltsports dem größten Land dieses Planeten das Recht abspricht, friedliebende Menschen zu internationalen Sportveranstaltungen zu empfangen.
Es ist nicht leicht, in diesen Zeiten noch einmal den Zugang zu finden zu dem Wintersportfest in Peking, Yanqing und Zhangjiakou, das ein Freund in einer WhatsApp-Nachricht kurz und knapp als „fragwürdig, aber auch faszinierend“ charakterisiert hat. Die besten Wintersportler*innen der Welt haben aber ein Recht darauf, dass ihr vielleicht größtes Erlebnis der vergleichsweise kurzen Karriere (Claudia Pechstein nehmen wir hier mal aus), dass dieses Erlebnis nicht reduziert wird auf die Schlagworte Menschenrechte, Überwachungsstaat, Corona, Isolation.
Für viele Crew-Mitglieder des Team D haben die Spiele 2022 Unerwartetes und Spektakuläres bereitgehalten. Grandiose Glücksmomente für die Langläuferinnen, im Duett oder Quartett – unglaubliche Aufholjagden eines Nordischen Kombinierers - Triumph und Trauer einer Skispringerin – 19 Treffer plus
15-Kilometer-Lauf in Gold für eine Biathletin.
Der Eiskanal: für High-Tech-Deutschland eine Überholspur. Kandidat*innen zuhauf bieten sich an für die Vorweihnachtsgala in Baden-Baden, sofern die Bobs, Rodel- oder Skeleton-Schlitten in der Garage bleiben können. 16 der 27 Team-D-Medaillen wurden im High-Speed-Modus erbeutet, im Yanqing National Sliding Center. Das Wintersportwunderland Norwegen ging hier übrigens leer aus – es war schlicht niemand da zum Runterfahren.
Auf eisiger Ebene dagegen: eisiges Schweigen. Curling ohne deutsche Teams, die Kufencracks nur Schatten von 2018, Eiskunstlauf unter „ferner sprangen“. Eisschnelllauf mit der ewigen Claudia, Shorttrack mit der einsamen Anna.
Und ansonsten: der Reporter als Freigänger in der Olympischen Blase unterwegs. Hektoliter von Desinfektionsmittel im Hotelrestaurant versprüht. Täglich grüßt der Wattestab. Vollverkleidete Winke-Menschen vom ersten bis zum letzten Tag. Leergefegte Flughafen-Terminals, reserviert anscheinend nur für Flug LH 725. Pandelympia 2022 – very very strange.
UN-Generalsekretär Guterres hatte Ende Januar alle Menschen aufgerufen, während der Olympischen und der Paralympischen Winterspiele die olympische Waffenruhe einzuhalten. Ob er damit auch die zwei Wochen dazwischen gemeint hat? Wladimir Putin jedenfalls ist in diese Lücke gestoßen. Ob er bis zur Eröffnung der Paralympics Ruhe geben wird? Die Zeit drängt…

Bild: picture alliance

  

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