Stille Tage in Chongli

Für das ZDF steht Norbert König im Winter an den Schanzen der Welt. Die ungewöhnlichen Anlagen In China aber haben den TV-Journalisten ebenso entsetzt wie das ganze Drumherum der 24. Winterspiele. Seine Eindrücke:

„Es ist eine Halbzeitbilanz, die sich erstmal mit den unsportlichen Aspekten von Beijing 2022 auseinandersetzen soll – vielleicht auch muss.

Pandemie und Autokratie – eine schwer verdauliche Mischung. Auch für die Journalistin und den Journalisten stellte sich in der Heimat die Frage: should I stay or should I go?

Ich habe mir ohne langes Nachdenken ein „Go“ gegeben. Die Entscheidung, diese Winterspiele in ein naturschneefreies Gebiet zu vergeben, in einem unter menschenrechtlichen Aspekten inakzeptablen Land, ist ohne die Mitsprache der Sportler*innen erfolgt – und erschöpfend diskutiert worden. Die journalistische Begleitung dieser Spiele vor Ort kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren.

Was die Pandemie betrifft, schließe ich mich der Mehrheit der Expert*innen an. Die sogenannte olympische Blase erfüllt alle Bedingungen, um zu den sichersten Orten der Welt zu gehören. Ausnahmen bestätigen die Regel, natürlich, in Gesellschaft der besonders kontaktfreudigen Omikron-Variante, die sich schon kurz vor der Anreise bei dem Einen oder der Anderen eingenistet hat.

Garantien gibt Dir keiner – eine bittere Erkenntnis zum Beispiel für die Dominatorin im Skispringen, Sara Marita Kramer. Mehrmals schon vom Pech verfolgt, muss die Österreicherin vor dem geplanten Abflug ihre olympischen Träume begraben. Und hat gewiss mit Kopfschütteln auf die Farce beim Mixed-Teamwettbewerb geschaut. Top-Athletinnen wie Katharina Althaus und Sara Takanashi werden wegen Verstoßes gegen die Anzugsordnung disqualifiziert. Zur Unzeit entschließt man sich wohl beim Weltverband FIS, nach Monaten augenscheinlich laxer Kontrollen ausgerechnet bei der olympischen Premiere ein Exempel zu statuieren.

Es soll also Ordnung herrschen bei diesen Winterspielen, die im Vorfeld für so großes Unbehagen gesorgt haben. Aber wie sieht die Gegenwart aus, für den europäischen TV-Journalisten? Die wesentliche Erkenntnis: unglaublich, wie schnell Außergewöhnliches und Irreales alltäglich werden kann in der Wahrnehmung.

Ein Volk in weißen Ganzkörperanzügen, mit Maske und Visier – die Augen immerhin signalisieren fast ausnahmslos Freundlichkeit und Sympathie. Das tägliche Testritual nach dem Motto „Stäbchen trifft Zäpfchen“. Das automatisierte Blitzlichtgewitter auf den Straßen: die Bewegungsprofile aller Fahrzeuge werden registriert, die von uns Menschen wahrscheinlich auch. Hunderttausende von Nadelbäumen, verpflanzt in diese karge Landschaft, gestützt von einem Mikado-Netz aus Millionen Ästen und Balken. Ein Ufo als Kopf des Schanzenmonsters, das hoffentlich nicht zur post-olympischen Ruine mutiert, wie so viele Spezialsportanlagen in aller Welt.

Schließlich der Blick aus dem Hotelfenster auf wie angewurzelt stehende Seilbahnen, auf beschneite, aber leere Skihänge in Erwartung von 300 Millionen frisch inspirierten Wintersportfans. Des Nachts flankiert von einem kalt-weißen Scheinwerferband – Erinnerungen an den Todesstreifen aus deutsch-deutscher Vergangenheit.

Es liegt eine gespenstische Stille über den in die Wildnis gepflanzten Hotelkomplexen in Chongli. Lückenlos umzäunt, um entdeckungsfreudige Olympiagäste zu bändigen; die Checkpoints und Überwachungskameras allgegenwärtig.

Doch genug damit. Es sind Olympische Spiele. Es lebe der (Winter-) Sport! Fortsetzung folgt.“

Bild, Copyright: ZDF/Ulrike Lenz

 

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