Gold-Geiger zündet den Turbo

Was für eine Floskel: „Wenn alles zusammenpasst, dann kann auch bei Olympia alles passieren.“  Vinzenz Geiger, der 24-jährige Kombinierer vom Skiclub Oberstdorf, hat diese allzu abgedroschene Phrase an diesem denkwürdigen 9. Februar 2022 mal so richtig umgekrempelt:  Auch wenn im Vorfeld so ziemlich gar nichts passte und er wegen einer Corona-Isolation chaotische Tage und Stunden erleben musste, schaffte der Allgäuer den ganz großen Triumph: Gold im ersten Kombinations-Wettbewerb der Winterspiele nach dem Springen von der Normalschanze und einem 10-Kilometer-Langlauf-Rennen, das noch in vielen Olympia-Zusammenfassungen und Jahresrückblicken zu sehen sein wird.

Von Rang elf kommend zeigte Geiger eine unglaubliche Energie-Leistung, schnupfte wenige Meter vor der Ziellinie seinen bis dato aufopferungsvoll kämpfenden Club-Kollegen Johannes Rydzek, um kurze Zeit später von Glückshormonen durchtränkt ein lautes „Jaaaa“ in den kalten Nachthimmel von Zhangjiakou zu schreien. Im Fernseh-Interview danach klang das schon wieder abgekühlter: „Besser kann es nicht gehen.“ Er wisse grad selbst nicht, wie es funktioniert habe. „Aber man darf niemals aufgeben“, sagte Geiger, der 2018 in Baden-Baden zum Newcomer des Jahres gewählt worden war, und nun den Olymp erklommen hat.  

Dabei hätte es Gründe genug gegeben, die Flinte frühzeitig ins Korn zu werfen. Weil er bei der Anreise nach China im Flugzeug neben seinem später positiv getesteten Teamkollegen Eric Frenzel gesessen hatte, musste Geiger als Kontaktperson ebenfalls in Isolation. Allein auf dem Zimmer essen, allein trainieren, ständige Testungen, die bei Geiger aber stets negativ blieben. Einziger Trost, das verriet Geiger nach seinem Triumph, seien die langen Telefonate mit seiner Freundin Lisa gewesen. Der glückselige Oberstdorfer hatte im Moment seines persönlichen Karriere-Höhepunktes aber auch seine ausgebooteten Nationalmannschaftskollegen im Sinn: „Ich habe mit Eric und Terence gelitten, sie hat es richtig getroffen“, sagte Geiger. „Aber ich hatte auch ein paar echt beschissene Tage. Die Organisation war schrecklich und schlecht, das hat mich genervt.“  Erst musste er ewig in der Kälte auf einen Shuttle-Bus warten, später kutschierte ihn der Olympia-Busfahrer statt zur Schanze zum Snowboard-Kurs …

Doch Geiger ließ sich durch die Pleiten, Pech und Pannen nicht beirren. Auch nicht von einem Rückstand von 1:26 Minuten. Geigers 10 Kilometer lange Aufholjagd gipfelte in einer verrückten Schlussrunde. In der das passierte, was Bundestrainer Hermann Weinbuch später mit vier Wörter zusammenfasste: „Es kam der Vinz.“ Geiger stürmte heran wie ein Hurrikan, blies Rydzek und den Österreicher Greiderer weg und zog in seinem Windschatten den Norweger Jörgen Graabak mit. Bedrängen ließ sich Geiger nicht mehr, sein kraftvoller Schlusssprint raubte eher den Konkurrenten den Atem als ihm selbst.  

„Unglaublich was heute passiert ist, ich bin fassungslos“, sagte Trainerfuchs Weinbuch, „es hat einer gewonnen, der den unbedingten Willen hatte.“ Aus diesem Holz sind Olympia-Helden geschnitzt.

Bild: picture alliance

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