Rodeln: Wird Geisenberger „unsterblich“?

Es bedurfte erst eines persönlichen Telefonats mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ehe Natalie Geisenberger (33) sich entschloss, auch zu den Winterspielen nach Peking zu reisen. Dass die erfolgreichste Olympia-Rodlerin wochenlang über ihre Teilnahme ernsthaft gegrübelt hatte, lag an den „unwürdigen Bedingungen“, denen sie und das deutsche Team während des Weltcups im November 2021 ausgesetzt waren.

Den Sportlern war nicht erklärt worden, warum sie nach dem Flug isoliert wurden, warum sie bis zum Verlassen des Flughafengeländes stundenlang warten mussten, dann diese unsäglichen Coronatest- und Trainingszeiten (getestet wurde morgens um 5.30 Uhr und um 23 Uhr) sowie diese schizophrenen Hygiene- und Quarantäne-Maßnahmen - das alles zehrte an den Nerven der in einem Hotel eingesperrten Athleten. Das IOC in Persona von Präsident Thomas Bach versicherte Geisenberger im Vier-Augen-Gespräch, dass all ihre Negativ-Erfahrungen sich nicht wiederholen werden. „Ich hoffe“, sagt die Polizeibeamtin aus Miesbach, „dass die Zusagen keine Lippenbekenntnisse sind.“ 

Jedenfalls wird Geisenberger nun die Verwirklichung ihres olympischen Hattricks in Angriff nehmen. Nach 2014 und 2018 peilt sie zum dritten Mal in Folge den Sieg im Einzel und mit der Teamstaffel an. Damit würde sie sich in ihrer Sportart endgültig unsterblich machen. Im richtigen Moment scheint die junge Mutter (Sohn Leo wird im Mai zwei) in Topform zu sein, wie ihr erster Saisonsieg im Januar beim letzten Weltcuprennen vor Peking zeigte. In St. Moritz sicherte sie sich zugleich den EM-Titel. Nicht weniger chancenreich wie die neunmalige Weltmeisterin gehen aber auch Julia Taubitz (25) als Gesamt-Weltcupsiegerin, und Anna Berreiter (22) in die olympische Prüfung.

Auf den gleichen Coup wie Geisenberger hoffen die Routiniers Tobias Wendl und Tobias Arlt, beide 34. Auch die Doppelsitzer aus Berchtesgaden waren unter den fünf Ringen bereits zweimal doppelt siegreich. Ihre ärgsten Spaßverderber dürften mit Toni Eggert, 33, und Sascha Benecken, 31, im eigenen Team stehen. Die Thüringer gewannen vier der neun diesjährigen Weltcuprennen, darunter den vorolympischen Test in Yanqing.

„Eine Prognose abzugeben, welches Team vorn sein wird, ist unmöglich“, sagt Bundestrainer Norbert Loch, dessen Sohn Felix (32) die Schmach von Pyeongchang vergessen machen möchte, als er nach drei Läufen in Führung liegend schwer patzte und nur Fünfter wurde. „Ich möchte wieder Gold gewinnen“, kündigt Loch Jr. an. 2010 und 2014 hatte er im Einzel gesiegt, 2014 zudem noch mit der Staffel.

Allerdings: Der einstige Dominator hält vor dem olympischen Höhepunkt keinen großen Titel, das gab es weder 2010, 2014 noch 2018. Zudem ist die Konkurrenz ausgeglichen wie selten: Mit dem WM-Titel schmückt sich der Russe Roman Repilov, Europameister ist der Österreicher Wolfgang Kindl und Teamkamerad Johannes Ludwig (35) aus Oberhof, der vor vier Jahren olympisches Staffel-Gold gewann, holte die Weltcup-Kristallkugel. Den Sieg in Peking traut Loch Sr. bis zu acht Rodlern zu.

Bild: picture alliance

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