Willi Holdorf: Der Mann, der in das Geschichtsbuch taumelte

Man stelle sich einmal vor, Niklas Kaul sitzt irgendwann nach einer großen Zehnkampf-Karriere im Viererbob von Francesco Friedrich, führt  nebenbei die Stabhochspringer des USC Mainz zu olympischen Ehren,  trainiert den Fußball-Zweitligisten Darmstadt 98 und sitzt auch noch im Aufsichtsrat der Rhein-Neckar-Löwen. Unmöglich?  Bei ihm hier nicht. Willi Holdorf war 1964 nicht nur Deutschlands erster Olympiasieger im Zehnkampf. Er gewann  im Viererbob von Horst Floth 1973 auch noch EM-Bronze.  Als Trainer des „silbernen“ Stabhochspringers Claus Schiprowski machte er sich ebenso einen Namen wie als Coach des Fußball-Zweitligisten Fortuna Köln. Und als Aufsichtsrar führte er mit die Geschicke von Deutschlands erfolgreichstem Handballclub, dem THW Kiel.
Willi Holdorf, der vor wenigen Tagen fünf Monate nach einem 80. Geburtstag nach langer Krankheit starb, war im wahrsten Sinne des Wortes ein Zehnkämpfer. Der Mann aus Schleswig-Holstein, der 1964 auf den letzten Metern des abschließenden olympischen 1500-m-Laufes quasi in die Geschichtsbücher des deutschen Sports taumelte, war ein sportlicher Tausendsassa.  Kein Wunder, dass in den zahlreichen Nachrufen zu Beginn der Woche auch die Rede davon war, dass nicht nur die deutsche Leichtathletik, deren König er mit diesem historischen Sieg wurde, sondern der ganze deutsche Sport um einen großen Athleten trauere.
Der hagere Mann von der Küste, dem ein trockener, aber zielsicherer no5rddeutscher Humor nachgesagt wurde, war niemand für Glanz und Glamour in der Öffentlichkeit. Die eigene Karriere beendete er schon kurz nach dem Gold von Tokio. Damals war er gerade 24 und musste eine Familie ernähren. Heute wäre das mit Hilfe von Wirtschaft und Staat sicherlich machbar. Vor mehr als einem halben Jahrhundert aber eben nicht. Holdorf baute sich neben seinen Trainertätigkeiten eine Laufbahn als Vertreter eines  großen deutschen Sportartikel-Herstellers auf.
Und er hinterließ seine Spuren im Geschichtsbuch des „Sportlers des Jahres.“  Im Jahr seines großen Triumphes, 1964, wählten ihn die deutschen Sportjournalistinnen und Sportjournalisten zum „Mann des Jahres“. Es war, wie so oft bei Olympia, ein Jahr der Leichtathletik. An Holdorfs Seite stand als Gewinnerin der Damenwahl Helga Hoffmann. Die Weitspringerin war damals als „Miss sechs Meter“ zum Begriff geworden. Eine Weite, die im Zeitalter digitaler und wissenschaftlicher Rundum-Betreuung eines Athleten keiner Erwähnung mehr bedürfte.

Bild: picture alliance

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.