TV-Sport in der Krise: Tiefschürfende Reportagen

Sport im Fernsehen in Corona-Zeiten, das schien nahe an der Quadratur des Kreises. Keine Events, keine Übertragungen. Doch die TV-Macher ließen sich auch vor dem Re-Start des Fußballs Alternatives einfallen, bekamen Raum und Zeit für tiefschürfende Reportagen. Peter Leissl, verantwortlicher Redakteur der alljährlichen Sondersendung „Sportler des Jahres“ im ZDF, nennt das eine Quasi-Reanimation des „Sportspiegels“.

Sport im Fernsehen, Sport im ZDF, erfuhr in den letzten Monaten eine völlig neue Gewichtung. Lange praktisch ohne Sportereignisse. Welche Erfahrungen und Rückmeldungen durch die Corona-Krise erfuhr die Redaktion. Wie reagierte das TV-Publikum?


Peter Leissl: Nach dem ersten Schock, dass uns die Berichtsthemen auszugehen drohten, hat sich in der Redaktion eine positive Trotzreaktion gezeigt. Gerade die Auswirkungen des Shutdowns auf den Sport boten ein weites journalistisches Arbeitsfeld.  Stellvertretend seien die Sportstudio-Diskussionsrunden genannt, oder die beeindruckenden Skype-Schalten zum Fußballer Robin Gosens nach Bergamo, ins Herz der Epidemie. In der Sportreportage am Sonntag gab es nun Platz für lange und tiefschürfende Reportagen, auf eine gewisse Weise eine zeitgemäße Reanimation des guten alten „Sportspiegels“.  Fast logisch, dass man ohne (live-)Sport keine Massen mehr vor dem Schirm versammeln konnte. Vor allem die Sportstudio-Quoten leiden etwas unter dem Mangel an aktuellem Fußball. Aber auch seit dem Re-Start bleiben sie unterdurchschnittlich, verglichen mit der Vor-Corona-Phase. Ein ähnliches Phänomen lässt sich wohl auch bei der ARD-Sportschau feststellen.

Nach Absprache mit den wichtigsten Partnern sollen Wahl und Auszeichnung „Sportler des Jahres“ am 20. Dezember in Baden-Baden stattfinden. Wahrscheinlich mit geänderten Rahmenbedingungen. Vielleicht könnte eine solche Veranstaltung und TV-Sendung sogar Zeichen setzen. Wagen Sie einen Ausblick auf den Tag X als langjähriger Fernsehpartner.


Peter Leissl: Das einzig Konstante ist der Wechsel. Fast jeder fühlt sich in diesen Tagen zum Propheten berufen und weiß doch nicht, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Sollte es die vielzitierte „Zweite Welle“ nicht geben und der Sport im Herbst mit Veranstaltungen sogar vor (reduziertem) Publikum aufwarten können, dann sehe ich das Bild eines aufgeräumten Bénazet-Saals vor mir, mit weniger Tischen, aber gleichwohl emotionalen Gästen.  Die Wahl würde durch andere Faktoren mehr als üblich bestimmt, nicht nur durch den sportlichen Erfolg: durch Charisma, soziales Engagement, den kreativen Umgang mit der Krise, und durch einige „weiche“ Faktoren mehr. Und die Vorausschau auf ein (hoffentlich) olympisches 2021 und weitere Sporthöhepunkte rückt auch schon am 20.12.20 mehr denn je in den Blickpunkt.

Die meisten Sparten des Sports endeten im März. Jetzt hoffen viele, vor allem olympische Verbände, auf einen Re-Start ab Herbst. Glauben Sie, dass sich in diesem ungewöhnlichen Sportjahr auch neue, ungewöhnliche „Kandidaten“ für die Wahl „Sportler/Sportlerin/Mannschaft des Jahres anbieten.  


Peter Leissl: Es wird darum gehen, in der Kandidatenliste durch entsprechende Kurzbeschreibungen das Augenmerk der Journalisten auf einen größeren Kreis zu richten, denn unsereins neigt manchmal dazu, derartige Qualitäten zu vergessen.

Kaum Reisen zu Events liebgewonnener Sportarten, vor allem im home office tätig, Video-Konferenzen und Schalten zu Aktiven statt Live-Interviews. Wie kamen Sport-Reporter mit der geänderten Situation klar, was war die größte Herausforderung?   

Peter Leissl: Es ging wesentlich besser als befürchtet. Das schöne Frühjahrswetter beugte zusätzlich einem Lagerkoller vor. Eigene sportliche Aktivitäten wie Joggen oder Radfahren mussten keineswegs eingeschränkt werden. Als live-Reporter derzeit arbeitslos, ohne Olympia und die LA-EM Paris, könnte es dennoch im August langsam wieder losgehen (LA-DM, Rad-Straßen-WM). Bis dahin hält mich eine aufwändige Reportage zum Ist-Zustand der deutschen Leichtathletik auf Trab, verbunden mit Drehausflügen in der Republik

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