Schwimmer planen „Wassersportfestival“

„Wenn Lebensträume zu platzen drohen“, so beschreibt DSV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen (58) die Auswirkungen der Krise für deutschen Schwimmer. Gleichzeitig bestätigt er, „dass alle Athleten für Tokio 2021 an Bord bleiben.“ Für die aktuelle Saison aber sieht er „die Ziele davonlaufen.“ Deshalb arbeitet der Verband an der Ausrichtung eines „Wassersportfestivals“ im letzten Quartal des Jahres 2020. „Wir wollen alle Facetten unseres schönen Sports innerhalb einer Woche an einem repräsentativen Standort präsentieren“, so der Plan.

Wie hat sich der Verband durch die Corona-Krise verändert? Gibt es Erfahrungen, die man aus den Entwicklungen und Erlebnissen nutzen kann?
Thomas Kurschilgen: Zwei Aspekte sind mir wichtig. Erstens: Wir haben im März des Jahres eine Digitaloffensive mit unseren Landesverbänden, Gremien und hauptberuflichen Mitarbeitern gestartet und einen Leitfaden zur digitalen Kommunikation entwickelt. Dieses Instrument werden wir auch in Zukunft beibehalten: weniger Reisen, mehr Kommunikation und mehr Effizienz in einem großen Verband. Wir merken, wie die Menschen fasziniert sind von dem, was online alles möglich ist. Zweitens: Unser Verband und unsere Mitglieder haben sich in dieser schwierigen Zeit in besonderer Weise als solidarische Gemeinschaft verhalten und in einem dynamischen Prozess, bei dem täglich schwierige Entscheidungen anstehen, im Konsens gezeigt. Das sollte auch in Zukunft so bleiben.


Bleiben alle Kader-Athlet*innen, die von der Olympia-Verschiebung betroffen sind, bei der Stange? Thomas Kurschilgen: Wenn alle gewissenhaft erstellten Planungen und langjährigen Vorbereitungen plötzlich nichts mehr wert sind, ist das eine sehr schwierige Situation für Leistungssportler. Lebensträume drohen zu platzen. Umso bemerkenswerter, dass alle Athleten*innen an Bord bleiben. Das hat meinen großen Respekt und zeigt mentale Stärke.
Fix ist, dass die Wahl „Sportler des  Jahres“  unter  den  Sportjournalisten  auch  2020  durchgeführt wird. Auch wenn das  Sportjahr  Anfang  März  abrupt  endete,  glauben  Sie dennoch, dass sich „geeignete“ Anwärter auf die Titel finden werden?
Thomas Kurschilgen: Ich denke ein wenig mit Wehmut an die Wahl 2019  zurück.  Als  ehemaliger Leichtathlet hat mich die Wahl von Niklas Kaul und Malaika Mihambo mit ihren phantastischen Leistungen und würdige Vertreter des Spitzensports sehr gefreut. Als Verantwortlicher im DSV hätte ich mir gewünscht, dass das historische Ereignis, die beiden Weltmeistertitel von Florian Wellbrock über 1500m und im Freiwasser, ihm  den  Weg  aufs  Podium ermöglicht hätten. Die Wahl eines Sportlers des Jahres mit einem vermutlichen sehr kurzen Bewertungszeitraum von drei Monaten halte ich für kritisch.

Wird der Sport „danach“ womöglich generell ein anderer sein?
Thomas Kurschilgen: Der Verlauf der Coronavirus-Pandemie ist nicht abzusehen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Sport ein ganz anderer. Im Schwimmsport ist für viele Menschen noch kein Zugang zu den Sportstätten möglich. Im Leistungssport habe ich Bedenken, dass sich die Vorbereitungen auf einen internationalen Meisterschaftshöhepunkt so wie in den Jahren zuvor gestalten lassen. Insgesamt wird das Leben nach Corona ein anderes sein, wir werden die Globalisierung – auch im Sport– neu austarieren müssen. National als auch international ist mehr Solidarität und gemeinsames Denken gefordert.

Nachdem der Fußball wieder rollt und die UCI einen prallvollen Rad-Herbst-Kalender präsentiert, die Frage ob Ihr Verband ebenso in Vorausplanungen für einen „heißen Herbst“ ist?
Thomas Kurschilgen: Zunächst einmal gilt es nach wie vor angemessen sorgsam und verantwortlich mit der aktuellen Situation umzugehen. Dennoch: Sport ist ein sozial- integrativer Bereich, mit gemeinsamem Training, Lehrgängen, Trainingslagern und Wettkämpfen. Den Athleten laufen gerade ihre Ziele davon. Es ist daher wichtig, eine Zielperspektive zu erarbeiten. Wir werden in den nächsten Tagen mit unseren verantwortlichen Bundestrainern, den Abteilungen und unserer Agentur Rough Water& GmbH zusammenkommen, um ein Konzept eines Wassersportfestivals für das letzte Quartal des Jahres zu diskutieren. Wir wollen alle Facetten unserer schönen Sportart innerhalb einer Woche an einem repräsentativen Standort vereinigen und den Athleten*innen im Wettkampf und darüber hinaus die Möglichkeit bieten sich zu präsentieren.

Bild: picture alliance

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