Der letzte Kaiser: Zum Tode Franz Beckenbauers

Franz Beckenbauer als Laudator bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2006 picture alliance Franz Beckenbauer als Laudator bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2006

Ungeheuerliches geschah an diesem Tage. Etwas, was in fast 75 Jahren dieser Republik noch niemand gewagt hatte. Ein mit sich und seiner Situation unzufriedener Berufsstand legt ein ganzes Land lahm. Zehntausende von Flensburg bis Garmisch bringen mit Tausenden schwerer Maschinen denVerkehr in den Metropolen zum Erliegen, blockieren Autobahnauffahrten, nehmen Hunderttausende, ja Millionen, in diesem Land in symbolische Geiselhaft. Und was machen die Öffentlich-Rechtlichen und privaten Fernsehanstalten in ihrer Hauptnachrichten-Sendung? Sie priorisieren als Top-Meldung den Tod eines Fußballers.

Nichts hätte den arg (über-)strapazierten Begriff vom Erweisen der letzten Ehre deutlicher machen können als diese offensichtliche nachrichtliche Bevorzugung an einem solchen Ereignis-schweren Tag. Der am Sonntag im Alter von 78 Jahren verstorbene Franz Beckenbauer war mehr als „nur“ ein Fußballer. Mehr als nur Weltmeister, als Spieler, Trainer, mehr als nur Initiator des „Sommermärchens“ 2006. Der 1945 im Münchener Arbeiterviertel Giesing zur Welt gekommene hoch talentierte Kicker wurde im Laufe seines Lebens zur Institution. Zu einer Person des öffentlichen Lebens, in dessen Odem sich viele drängten, denen der Sinn nach – oft unangemessener - medialer Anerkennung stand.

Dem Mann, dessen Vorname ihn irgendwann im Laufe seines Lebens auf eine Stufe mit dem vormaligen Kaiser Österreichs hob, schien nichts misslingen zu können Er jettete zwei Jahre lang im Interesse Deutschlands und dessen Fußballs um den Globus. Hatte keine Ruhe, bis „die Welt zu Gast bei Freunden“ war. Was sollte auch schiefgehen bei Einem, der einen Ball von einem gefüllten Weißbierglas aus in die ZDF-Torwand  zauberte und der im gefälligen Small Talk mit stets verbindlichem Lächeln dem bayerischen Landsmann auf dem Stuhl Petris gönnerhaft Vorschläge für die Freizeitgestaltung machte.

Der „Fußballer des Jahrhunderts“, zu dem er in diesem Land gekürt wurde, überstrahlte mit seiner Aura alles. Egal wann und wo. Immer. Auf dem Rasen die Interpretation des perfekten Libero-Spiels. Als Teamchef jene unnachahmlichen Mischung aus Nonchalance, scheinbarer Leichtigkeit des Seins, provokanter Protzigkeit und akribischer, detailversessener Arbeit. Einer, dem nicht nur scheinbar alles gelang, sondern dem man auch alles verzieh. Sein charmant-eloquent vorgetragenes „Der liebe Gott freut sich über jedes Kind“ als später verheirateter Vater eines ungeplanten Sprösslings auf Nebenwegen nahm allen erzkatholischen Moralaposteln jeglichen Wind aus den Segeln.

Umso tragischer seine letzten persönlichen Jahre mit dem Schatten, der nach dem angeblich „gekauften“ Sommermärchen und nie bewiesenen Korruptionsvorwürfen auf ihn fiel. Gesundheitlich angeschlagen und wohl auch innerlich tief getroffen vom frühen Tod seines Stefan, der mit 46 Jahren an einem Gehirntumor verstarb, zog sich der Mann, dem die (Fußball-)Welt das dünne Mäntelchen der Lichtgestalt um die schmalen Schultern geworfen hatte, völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Art Fußball zu zelebrieren, wäre im athletisch und medial ausgereizten Laptop-diktierten Rasen-Kleinkrieg unter Video-Aufsicht kaum mehr praktikabel. „Geht’s raus und spielt’s Fußball“ war einmal. Die Romantik des runden Lederballs verabschiedete sich am Sonntag, 07. Januar 2024 mit ihm. Mit dem letzten Kaiser.

*Als Spieler und Teamchef der Mannschaften des Jahres 1966, 1970, 1974, 1980, 1990 mit dem DFB (1967 mit dem FC Bayern) schrieb Franz Beckenbauer mit seinen sportlichen Fähigkeiten und seiner glitzernden weltmännischen Eleganz auch an der Historie der seit 1947 ausgetragenen Gala mit. 2006 überreichte er als Laudator den Ehrenpreis an Miroslav Klose. 

Titelbild: picture alliance
Galerie: Pressefoto Baumann

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