Felix Loch (Rodeln)

Ausblenden! Einfach alles ausblenden können, nur auf sich selbst konzentrieren und auf die Bahn, das sei die große Kunst, bevor man den Blindflug durch die Eisrinne beginne. Es ist eine Gratwanderung, die etwa fünfzig Sekunden dauert, in denen der Rodler quasi mit seinem Leben spielt. Daran aber denke er nicht, sagt Felix Loch. Dass dürfe man auch nicht. Sitzt der 32-Jährige auf seinem Schlitten, sei er nur darauf konzentriert, was er wie in welcher Kurve machen müsse, wobei er versuche, jedes Kopfanheben zu vermeide, schließlich koste es wertvolle Tausendstel. Mehr Zeit zum Überlegen, geschweige denn für irgendwelche Emotionen, bleibe bei dem Turbotempo nicht.

Auf dem schmalen Kufengefährt wenige Zentimeter über dem Eis liegend, mit über 150 Stundenkilometern durchs Labyrinth zu brettern, gelingt Loch so gut wie kaum einem Zweiten. Natürlich glückt dem gebürtigen Thüringer, der nach dem Mauerfall mit den Eltern ins Berchtesgadener Land zog, nicht jede Fahrt. Obwohl das lange Zeit so aussah, nachdem er als 18-Jähriger bei seiner ersten Weltmeisterschaft sogleich den Titel im Einsitzer gewann. Das war 2009 in Oberhof.

Gecoacht von Vater Norbert Loch (59), der als Heim- und Bundestrainer fungiert, folgten Triumphe am Fließband. Den Olympiasieg von Vancouver im Einsitzer wiederholte er vier Jahre später in Sotschi. Hinzu kam olympisches Gold bei der Team-Premiere. Bei WM-Championaten steht sein Name in 13 Siegerlisten, so häufig wie kein anderer.

Die Selbstverständlichkeit des Gewinnes ist dem Sportpolizisten zuletzt jedoch etwas verloren gegangen. Sonst hätte er sich im Januar bei der Heim-WM in Königssee nicht mit Silber begnügen müssen. Oder vor drei Jahren in Pyeongchang den olympischen Hattrick im Einsitzer komplett gemacht. Nach drei „super Läufen“ und klarer Führung vermasselte er mit einem abschließenden „Scheißlauf“ das goldene Happyend.

War das womöglich der Anfang vom Ende einer Ära, die auch von 47 Einzel- und sieben Gesamtweltcupsiegen geprägt wurde? Lochs Antwort kann nicht entschlossener ausfallen: „Keinesfalls!“ Sich irgendwo zu vergraben, den Kopf in den Sand zu stecken, alle Fünfe gerade sein zu lassen, das widerstrebt dem hünenhaften Athleten (1,91 m groß, 92 kg schwer), der als Fünfjähriger erstmals eine Eisbahn hinunterfuhr und seitdem auf nichts anderes mehr Lust hatte – trotz Fußballspielen und Skifahren.

Im Februar möchte der Familienvater in Peking nachholen, was ihm in Pyeongchang verwehrt blieb. Auch seinen Söhnen Lorenz (5) und Ludwig (3) zuliebe, denen er nur allzu gerne Olympiagold widmen würde.

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Malaika Mihambo (Leichtathletik)

Macht sie es wieder? Wird Malaika Mihambo zum dritten Mal in Folge deutsche „Sportlerin des Jahres“? Das Rennen ist offen, aber natürlich hat sie als Olympiasiegerin im Weitsprung beste Karten. Unvergessen bei den Frühaufstehern in Deutschland ist dieses bis zum letzten Sprung an Dramatik nicht zu überbietende Finale.

Dritte war Malaika, als sie ihren letzten Anlauf genau aufs Brett brachte, gewaltig absprang, sicher landete – und in Führung ging. Aber sie musste in der Mittagshitze von Tokio, nach den „wichtigsten sieben Metern meines Lebens“, einfach noch abwarten, ob Brittney Reese und Ese Brume nicht doch noch weiter springen. Sie schafften es nicht, der Coup war perfekt. Vom bangen Niederknien mit den Händen vor dem Gesicht über die vergleichsweise verhaltene Freude mit Tränen der Erleichterung bis hin zur Einladung, in ihr Seelenleben zu blicken, dauerte es eine Stunde. „Es ist das Gefühl, dankbar zu sein, dass ich als beste Version meiner selbst hier stehen und genießen kann“, sagte sie dann.

Die amtierende Welt- und Europameisterin nahm in der Coronavirus-Pandemie am richtigen Ort den richtigen Anlauf auf den Olymp. Nicht zuletzt, weil sie in Saarbrücken in die Spur zurückgefunden hatte. „Mein Trainer Uli Knapp und ich sind zusammengewachsen. Uns verbindet sehr viel“, sagte sie. Etwa die tiefgründigen Unterhaltungen und das gemeinsame Musikmachen. Er spielt Gitarre, sie spielt Klavier. Wenn es sein soll, auch im Kreis der Nationalmannschaft.

Malaika Mihambo (27), die studierte Politik- und Umweltwissenschaftlerin, ist sehr viel mehr als eine Weitspringerin. Malaika ist ein mental mächtiges Multitasking-Monument. Neben Klavierspielen sind Yoga und Meditation für sie mehr als Freizeitbeschäftigungen. Oder das Rucksackreisen. Es sind elementare Wegbegleiter auf ihrem Weg zum Glück. „Ich habe für mich herausgefunden, dass ich niemandem etwas beweisen muss, nichts zu verlieren habe“, sagte sie in Tokio mit der Goldmedaille um den Hals. Das, so betonte sie, gelte auch, wenn sie kein Gold schürft.

Und sie sagte auch das noch: „Ich mag mich als Mensch“.

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Ricarda Funk (Kanuslalom)

Ricarda Funk war nicht nur die erste deutschen Olympiasiegerin von Tokio. Sie war vielleicht auch diejenige, deren Goldmedaille während dieser Zuschauer-losen Tage am meisten glänzte. Nicht, weil ihre Trägerin sie in der tobenden Gischt des Wildwasserkanals erkämpft hatte, sondern weil sie ein wenig Sonnenlicht auf eine Region abwarf, die der Athletin so sehr am Herzen lag. Ein Stück Heimat, das in diesen Tagen doch so sehr vom Schlamm und Dreck, von Schicksalsschlägen und nicht mehr gut zu machenden Fausthieben der entfesselten Natur geschlagen worden war.

Im geschunden Flutgebiet an der Ahr, und das ist das Tragische an dieser ganz persönlichen Geschichte der Ricarda Funk, hatte sie zuvor beste Trainingsmöglichkeiten finden können. Doch ausgerechnet das Wasser hatte jetzt alles zerstört. Nicht jenes, in dem die 29-Jährige die Grundlage für ihren Olympiasieg gelegt hatte. Sondern das fürchterliche, das in wahren Sturzbächen über ihre eigene Region herniedergegangen war und das ganze Dörfer auf Jahre hinaus vernichtet hatte.

Dass ihre Gedanken nach dem Triumph, bei dem sie als drittletzte Starterin noch zweimal hatte zittern müssen, nach Hause gingen in all diesem Gefühls-Wirrwarr, war nur allzu verständlich. Und dass sie das alles noch artikulieren konnte, so kurz nach dem größten sportlichen Erfolg ihrer Laufbahn, war es noch umso mehr: „Es war einfach schrecklich, die ganzen Bilder zu sehen. Mein Mitgefühl nach Hause. Kreis Ahrweiler ist stark und gemeinsam sind wir noch stärker!“ Das ging unter die Haut bei jedem, der es miterlebte.

Ricarda Funk war, nein sie ist ganz bestimmt eine ganz besondere Olympiasiegerin dieses Jahres. Auch weil sie in den Stunden des größten persönlichen Triumphes weniger an sich selbst, sondern an diejenigen dachte, denen die Flut im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. „Ganz viel Kraft, Hoffnung und Liebe“, wolle sie nach Hause senden in diesen Stunden, hatte sie via TV-Studio verlauten lassen. Die Goldmedaillengewinnerin aus dem Hochwassergebiet wäre eine würdige „Sportlerin des Jahres.“

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