Aktion Titel­verteidigung

War das paradiesisch, als Löw und mehrere Nationalspieler im Gasthof Lipp im Weiler Perdonig, an Holztischen, den Panoramablick über das Etsch- und Eissacktal genossen. Keine Sorgen, Nöte, nur Südtiroler Wohlfühlstimmung beim Trainingslager – während jetzt vor den Toren Moskaus der Ernstfall der Titelverteidigung beginnt. Alles so anders, zwischen den Plattenbauten von Watutinki. Und nach sportlichen und anderen Vorfällen gar nicht mehr so euphorisch. Und wenn die FAZ feststellt, dass „der frische Eroberergeist, den das junge deutsche Team verströmte, derzeit nur in überschaubarer Dosis im Kosmos der Weltmeister angekommen ist“, stimmt das nachdenklich.

Also nix mit dem nächsten Stern? Und der damit quasi automatischen Wahl zur „Mannschaft des Jahres“. Wie zuletzt 2014 nach dem Rio-Triumph, als Jogi Löw im Kurhaus von Baden-Baden die Ovationen genoss. Gemach, gemach: Stammtisch-Coaches berappen gerne 5 € ins Phrasenschwein, weil „wir eben eine Turnier-Mannschaft sind.“ Und selbst die Kanzlerin versuchte im Fall Gündogan/Özil zu intervenieren. Sie wünscht sich Applaus statt Pfiffe. Am besten gleich gegen die Mexikaner am Sonntag im Luschniki-Stadion der Hauptstadt. Anschließend geht es gegen Schweden (23. Juni) und Südkorea (27. Juni) – dann ab in die K.O.-Runde.

Wie weit geht es da? Als ob sie sich abgesprochen hätten, propagieren viele Experten das „Halbfinale“ als realistisch. Geht nicht mehr für Kroos, Hummels, Werner, Khedira, Müller (absolute Fixstarter für Runde I) und Co.? Fakt scheint, dass ein ähnliches „Wegputzen“ einiger Gegner wie vor vier Jahren in Brasilien schwerer fallen dürfte. Gründe? Die atmosphärischen Störungen könnten beeinträchtigen, die Fehler-Quote beim Passspiel war zuletzt ungewöhnlich hoch. Und irgendwie scheint der „Geist“, den auch das Confed-B-Team entfachte, noch nicht entbrannt zu sein. Manches wirkt leicht verkrampft, auch wenn der Bundestrainer konstatiert, dass man am Tag X anders zu Werke gehen würde. Auch die Konkurrenz scheint besser aufgestellt. Die damals gedemütigte Selecao ist wieder auf der Höhe. Spanien mit seinem jungen Trainer überzeugte ebenso wie Vize-Europameister Frankreich um Superstar Griezmann.

Der Blick in die Annalen der Team-Wahlen der deutschen Sportjournalisten jedoch lässt die Zuversicht anwachsen. Zehnmal standen die DFB-Fußballer ganz oben, ein Rekordwert. Erstmals 1966 als WM-Finalist von Wembley, selbst als Dritter des „Sommermärchen“ und letztmals nach dem Samba do Brazil. Dass bei den Ehrungen zunehmend überschaubare Delegationen den größten Fußballverband der Welt repräsentierten, stieß manchem bitter auf. Aber vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass TV-Partner ZDF (wie auch die ARD) ihr WM-Studio für fünf Wochen in der Sportler-des-Jahres-Kurstadt bezogen hat. In Baden-Baden gibt es ähnlich schnuckelige Ecken wie in Eppan und Umgebung.

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„Ewiger“ Platz für Graf Berghe von Trips

Für viele Freunde und Bewunderer des (deutschen) Rennsports war er der Mythos auf den Rennstrecken dieser Welt schlechthin. Weil alles passte, was zu solch heldenhafter Verklärung gehört:  Die adlige Herkunft, der Status als stets nie vergebener, aber heiß begehrter Herzensbrecher. Das unvergleichliche Können, die Rolle als Sohn-Ersatz des großen Commendatore Enzo Ferrari. Vor allem aber sein tragischer Tod, den Weltmeister-Titel im italienischen Monza vor Augen. In DEM italienischen Auto schlechthin. Am 10. September 1961 starb Wolfgang Graf Berghe von Trips in einem Ferrari 156.
Jetzt hat der Mann, der am 4. Mai 2018 90 Jahre alt geworden wäre, ausgerechnet an diesem Tag  einen „Platz für die Ewigkeit“ bekommen. Eine Ruhmeshalle, die dem einzigen Menschen, der nach seinem Tod die Ehrung als „Sportler des Jahres“ erfahren hat, zur Ehre gereicht. Eine Dauerausstellung im Motorsportmuseum des ring°werk  am Nürburgring.
Flankiert im Eingangsbereich von einer über Jahre hinweg mit Original-Teilen nachempfunden Replica des vielleicht schönsten Rennwagens aller Zeiten: des Ferrari 156, in die Annalen des Motorsports eingegangen als „Sharknose“. Der „Sharknose“ war der erste Mittelmotor-Monoposto aus Maranello. 1960 hatten sich die Konstrukteure vom Frontmotor verabschiedet und aufgrund der besseren Balance auf das Prinzip des Mittelmotors gesetzt
Der Titel der Dauer-Ausstellung, die den größten Teil des bisherigen Trips-Museums in Kerpen bei Burg Hemmersbach, dem Stammsitz der Grafen Berghe von Trips umfasst, hätte passender nicht sein können. „Graf Berghe von Trips – Ritter, Reiter, Rennfahrer“.  Von Graf Berghe von Trips existiert das folgende  Zitat aus den späten 1950er Jahren: „Man spürt es, wenn man nach langer Fahrt von der Landstraße abbiegt und plötzlich den schwarzen Asphalt des Ringes unter den Reifen hat: da ist irgendetwas anders.“  
„Zwei 90-Jährige, die Spaß machen“, nannte Laudator Professor Dr. Frank Herrmann (Köln), Mitglied des Stiftungsrates der Trips’schen Sportstiftung, die Rennstrecke und den im Alter von 28 Jahren viel zu früh verstorbenen Piloten. Hermann, der an der Technischen Hochschule Köln lehrt und selbst Rennen fährt, war sich einig mit Nürburgring-Geschäftsführer Mirco Markfort: „Diese Ausstellung passt perfekt in unser Konzept, den Motorsport sowie Historien und Helden des Nürburgrings gemeinsam  in den Fokus zu stellen.“
Nirgendwo besser könnte das Andenken des Mannes, den der Tod unsterblich machte, und dem vor 57 Jahren eine einzigartige Würdigung als „Sportler des Jahres“ post mortem zuteil wurde, besser in Ehren gehalten werden als in der Motorsport-„Walhalla“ am Nürburgring.

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Getrennte Wege zweier „Mannschaften des Jahres“

Dass Fußballer die Wahl zur „Mannschaft des Jahres“ gewinnen, ist eher die Ausnahme als die Regel. Zumindest dann, wenn es nicht die deutsche Nationalmannschaft nach einem gewonnenen großen Turnier ist.  Eher sind es Staffeln aus dem Wintersport, der Leichtathletik,  dem Schwimmsport,  große Reiter-Equipen oder Mannschaften anderer Ballsportarten.  Zwei Klub-Teams aus der Kicker-Szene aber, die schon ganz oben auf dem Treppchen bei der Ehrung standen, sorgen in diesen Tagen für Schlagzeilen. Und zwar auf ganz und gar unterschiedliche Art und Weise.
Die „fränggischen Clubberer“ vom 1. FC Nürnberg, und die „Rode Deiwel aus der Palz“ vom 1. FC Kaiserslautern, die sich in dieser am kommenden Wochenende ausklingenden Saison noch zweimal um Punkte gegenüberstanden, haben beide schon die Trophäen als „Mannschaft des Jahres“ entgegen nehmen dürfen. Der Max-Morlock-Klub aus Franken 1961, der Fritz-Walter-Klub aus der Pfalz sogar zweimal: 1991 und 1998, als den „Roten Teufeln“ ein bis dato einmaliges Kunststück gelang: als Aufsteiger aus der zweiten Liga wurden die Kicker um „Fußballgott“ Olaf Marschall damals unter Trainer Otto Rehhagel sensationell Deutscher Meister.
Doch jetzt trennen sich die Wege der beiden gemeinsamen Konkurrenten. Während Nürnberg nun als „Rekord-Aufsteiger“ zum achten Male ins Oberhaus einzieht, müssen die Lauterer zum ersten Mal in ihrer fast 118jährigen Geschichte den Weg in die Drittklassigkeit antreten. Das riesige, 50.000 Zuschauer fassende WM-Stadion auf dem Betzenberg, benannt nach dem größten Sohn der Stadt, Fritz-Walter, wird in Zukunft Meppen und Münster, statt Mainz und München empfangen.
Gelang es dem FCK noch beim ersten Abstieg 1996 fast die gesamte Erstliga-Mannschaft mit hinunter ins „Unterhaus“ zu nehmen, so muss Trainer Michael Frontzeck in den Niederungen der Drittklassigkeit ab dem Sommer ein völlig neues Team aufstellen, dass möglichst den sofortigen Wiederaufstieg anpeilen kann. Sonst könnte einem der traditionsreichsten deutschen Fußball-Vereine und dessen zweimaliger „Mannschaft des Jahres“, der völlige Niedergang in der sportlichen Bedeutungslosigkeit bevorstehen.
Ganz anders will man es am Valznerweiher angehen. Trainer Michael Köllner, der nach vierjähriger Abwesenheit den fußballverrückten Mittelfranken die Bundesliga wiedergegeben hat, weiß, was auf ihn und seine Mannschaft zukommen wird. Und er ist einer, der über Horizonte hinausblicken kann. Im Trainingslager ging er mit seinem Team ins Kloster, diskutierte über Politik und verlangt, dass sich seine Spieler mit der Historie des 1. FC Nürnberg auseinandersetzen. Dazu gehört auch die Wahl zu Deutschlands „Mannschaft des Jahres.“ Auch wenn es wohl ziemlich lange dauern wird, bis es dazu noch einmal kommt.
Falls überhaupt. Wie auch im Falle des 1. FC Kaiserslautern.

 

Bild: picture alliance (Die Fußballmannschaft des 1.FC Kaiserslautern wird am 3.12.1998 bei der Wahl zum "Sportler des Jahres", im Kurhaus von Baden-Baden, zur Mannschaft des Jahres gekürt)

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Para­lym­pische Bilanz

Ein Zeugnis ungeheurer Willenskraft
Zehn Tage Paralympische Spiele sind am Sonntagabend mit einer grandiosen Abschlussfeier im südkoreanischen Pyeongchang zu Ende gegangen. Und wie immer brachten diese ganz besonderen Wettbewerbe behinderter Athletinnen und Athleten in alpinen und nordischen Disziplinen besonders viele Geschichten und Emotionen hervor. Mehr noch als Olympia gelten die Paralympics als ein großartiger Nachweis dessen, was menschliche Willenskraft und der Glaube an sich selbst, an das eigene Leistungs- und Durchsetzungsvermögen, hervorbringen können.
Hinter jedem einzelnen Start, jeder Platzierung, jeder Bestzeit, jeder Überwindung des eigenen Handicaps sollte ein Übermaß an Anerkennung und Bewunderung stecken. Und doch wird auch hier letztendlich mit Resultaten, mit Siegen und Niederlagen, mit Medaillen oder (nur vermeintlich) enttäuschenden vierten Plätzen der Scharfrichter allen sportlichen Tuns zur Bewertung herbei gezogen. So kann die Tatsache, dass die deutschen Athletinnen und Athleten insgesamt 19 Medaillen in den paralympischen Wettbewerben gewonnen haben, auch nur ein Teilaspekt dessen sein, was alle vor Ort geleistet haben.
15 der 18 deutschen Einzelmedaillen holte das Damenquartett Andrea Eskau (46),  Andrea Rothfuss (28), Anna Schaffelhuber (25) und Anna-Lena Forster (22). Mit sechs Medaillen wurde die Thüringerin Andrea Eskau, die die deutsche Delegation auch als Fahnenträgerin ins Stadion geführt hatte, damit auch erfolgreichste deutsche Athletin.  Schaffelhuber und Forster, die beiden Dominatorinnen im Mono-Ski, pushten sich gegenseitig zu ihren paralympischen Erfolgen zwischen den Stangen. Vom Slalom bis zur halsbrecherischen Abfahrt. Viermal Silber, einmal Bronze, lautete die beeindruckende Bilanz von Andrea Rothfuss. Nur mit dem ersehnten Gold wollte es einfach nicht klappen.
Und schließlich wurde auch die „Ehre“ der Männer gegen Ende der Spiele noch gerettet. Seit dem vorletzten Paralympics-Tag in Vancouver vor acht Jahren hatte kein deutscher Mann bei den Winterspielen mehr eine Medaille geholt. Sage und schreibe 29:0 stand es seitdem für die deutschen Frauen. Bis Martin Fleig kam. Der 28-Jährige beendete diese Serie am drittletzten Tag der Spiele im Biathlon über 15 Kilometer. Und das sogar mit einer Goldmedaille. Sie alle hätten es verdient, bei der Stimmabgabe für Deutschlands Sportlerinnen und Sportler des Jahres entsprechend berücksichtigt zu werden. Ob es wirklich so ist, wird man am 16. Dezember in Baden-Baden sehen.

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