Ironman Patrick Lange

Ein Ironman-Weltmeister mit ungeahnten Laufqualitäten

Die blaue Snapback-Cap seines Sponsors ist eine Nummer zu groß für seinen runden Kopf. Doch das Tragen dieser Variante der klassischen Baseball-Cap gehört zum Triathleten wie die Sonnenbrille mit den entspiegelten Gläsern. Lässig sollen diese Accessoires wirken und damit das typische Hawaii-Feeling ausstrahlen.
„Hang loose“, der Surfer-Gruß mit zwei abgespreizten Fingern, passt nicht ins Bild vom neuen Ironman-Weltmeister Patrick Lange. Vielmehr gilt der 31 Jahre alte Hesse als akribischer Arbeiter, als ehrgeiziger Tüftler, als selbstreflektierter Querdenker. In der Öffentlichkeit Emotionen zu zeigen, ist nicht das Ding des unscheinbaren wirkenden Physiotherapeuten. Doch auf der Ziellinie des berühmten Ali’i Drive von Kona sprudelte es ungehemmt aus seiner ruhigen Natur. „Das ist Gefühlsachterbahn hoch Tausend“, versuchte Lange die Endorphine in seinem Körper auszudrücken, ehe er sich beide Hände vors Gesicht schlug und erschöpft zu Boden sank.
Glücksgefühle beim Ironman Hawaii sind dem Mann mit der zierlichen Natur nicht fremd. Bereits im Vorjahr gelang Lange mit dem dritten Rang ein beachtlicher Erfolg auf Big Island. Nach 8:11:14 Stunden komplettierte der damalige Rookie das deutsche Podium um Sieger Jan Frodeno und Vize-Weltmeister Sebastian Kienle. Sein erfolgreiches Debüt im Mekka des Triathlons überraschte den Spätzunder-Profi selbst am meisten. „Das ist wie tausend Geburtstage, Weihnachten und Ostern zusammen“, stammelte er seinerzeit im Ziel von Kona. Die Triathlon-Szene zeichnete Lange für diese Leistung mit dem Titel „Aufsteiger des Jahres“ 2016 aus.
Bereits ein Jahr später spielt der sympathische Hesse in der Champions League mit, reiht sich ein bei den großen deutschen Namen der vergangenen Jahre wie Frodeno – „Sportler des Jahres“ 2015 –, Kienle und dem Hawaii-Sieger 2005, Faris Al-Sultan. Dem Coaching von Letzterem ist es mitunter zu verdanken, dass sein Schützling Lange den abschließenden Marathon mit 2:39:59 Stunden nicht nur in der schnellsten Laufzeit zurücklegte, sondern am Ende sogar noch Körner für die Aufholjagd von den bis dato Führenden Kienle und Lionel Sanders hatte. Den Kanadier sammelte Lange – ohne mit der Wimper zu zucken – ausgerechnet am schmerzvollsten Punkt eines jeden Marathons, bei Kilometer 38, ein.
Dabei hatte ihm Al-Sultan vorab prophezeit: „Du hast zu wenig Talent, du bist zu klein. Du hast die Hebel nicht. Und es sieht auch nicht schön aus, wenn du Sport machst.“ Die an sich demotivierenden Worte seines erfahrenen Trainers bewirkten bei Lange offensichtlich das Gegenteil, gaben ihm Auftrieb und ließen ihn letztendlich langgezogenen Schrittes in Weltbestzeit mit 8:01:40 Stunden ins Ziel über den Teppich stolpern. Auf staksigen Beinen versuchte er anschließend, einen Freudentanz aufzuführen, wobei ihm der Sieger-Lorbeerkranz vom Kopf glitt. Patrick Lange ist eben kein typischer Triathlet. Doch vielleicht hat er gerade deshalb das Zeug zum „Sportler des Jahres“ 2017?

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