Sigurd und die erfolgreichen „bad boys“

Sigurd war in den 1960er Jahren eine Comic-Figur, deren Leben im finsteren Mittalter spielte. Der Held war ein Ritter ohne Fehl und Tadel, vor allem aber: er war unbesiegbar. Alles Attribute, die auch auf seinen Fast-Namensvetter Dagur Sigurdsson zutreffen. Der Isländer führte die deutsche Handball-Nationalmannschaft als Trainer zu Beginn des Jahres in Polen sensationell zum Titel als Europameister, gewann im August bei Olympia in Rio die Bronze-Medaille. Bevor er vor wenigen Tagen seinen Abschied von den „Bad Boys“ und vom Arbeitgeber Deutscher Handballbund (DHB) verkündete.

In Zukunft möchte der heiß Umworbene in Japan Entwicklungs-Arbeit leisten, die dortige Auswahl an die Weltspitze heran führen. Seinen Abschied aber will er sich bei der Weltmeisterschaft In Frankreich im Januar mit seinen Eleven noch einmal versüßen. Obwohl die Voraussetzungen dafür (wieder) nicht frei von personellen Sorgen sind. Wie schon bei den europäischen Titelkämpfen wird es Ausfälle verletzter Leistungsträger zu kompensieren gelten. Der Kieler Steffen Weinhold, Kapitän der DHB-Auswahl und im rechten Rückraum gesetzt, muss wegen eines Risses des Syndesmose-Bands drei Monate pausieren. Neben Weinhold werden auch die Europameister Fabian Wiede, Hendrik Pekeler, Christian Dissinger und Martin Strobel fehlen.

Doch die Tatsache, verletzte Akteure quasi „eins gegen eins“ ersetzen zu können, ohne dass ein Leistungsabfall eintritt, war eine der Stärken der deutschen Handballer in diesem Jahr, das die zuvor so oft kritisierte nationale Auswahl wieder in den Kreis der absoluten Weltspitze spülte. Die verbale Kunstform „bad boys“ wurde zum Begriff. Deutschlands Handballer, und mit ihnen der neue Torwart-Star Andreas Wolff, wurden quasi über Nacht zu neuen Sympathie-Trägern, zu nationalen Aushängeschildern. Auf einmal ging ein Aufschrei durch die Szene der deutschen Sportfans, als es hieß, man werde aus Frankreich keine Live-Bilder im frei empfangbaren Fernsehen zeigen können.

In Frankreich werden alle, der Trainer und seine Erfolgsmannschaft, um einen sportlich erfolgreichen Abschnitt einer kurzen, aber sehr effektiven Ära im Handballsport bemüht sein. Sigurdsson hat seine einzelnen Spieler nicht nur zu einer harmonierenden Truppe auf dem Spielfeld, sondern auch zu einer Einheit außerhalb des Platzes und nicht nur während der 60 Minuten auf dem Spielefeld geformt. In Frankreich, aber auch bei der Wahl zu den „Sportlern des Jahres“ der aufregenden vergangenen 12 Monate können „Sigurd“ und seine Vasallen noch einmal ihr herausragendes Gen präsentieren: Nämlich das der scheinbaren Unbesiegbarkeit. Fast zumindest. Bei den Mannschaften gelten die deutschen Handballer nach langer Zeit mal wieder als Kandidat für einen der vorderen Plätze. Dem Namensvetter eines Mittelalter-Heldes sei Dank!

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