Artikel nach Datum gefiltert: Januar 2016

Neues Wintermärchen?

Die Flügelzange mit „technischem Defekt“, sprich Verletzungen, ausgefallen. Der Abwehrchef und Kreisläufer in Personalunion ebenfalls außen vor und eines der größten Talente der vergangenen Jahr malade: Doch trotz der fehlenden Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek und Paul Drux glaubt Handball-Bundestrainer Dagur Sigurdsson daran, dass seine Auswahl eine gute Europameisterschaft absolvieren wird. Zum Auftakt der Endrunde vom 15. bis 31. Januar in Polen haben die „Adlerträger“ am Samstag mit Ex-Weltmeister Spanien in ihrer Vorrundengruppe direkt einen „dicken Brocken“ vor der Brust.

„Danach werden wir wissen, wo wir stehen“, sagt Rückraumspieler Steffen Weinhold, der die DHB-Auswahl anstelle Gensheimers als Kapitän aufs Feld führen wird. Neun Jahre nach dem „Wintermärchen“ von 2007, als die Schützlinge des damaligen Bundestrainers Heiner Brand im eigenen Land mit dem Gewinn des WM-Titels und als Mannschaft des Jahres einen riesigen Handball-Boom entfachten, ist aus diesem Kreis nur noch Kreisläufer Oliver Roggisch übrig geblieben. Allerdings in anderer Funktion: Der Mann vom Bundesliga-Spitzenreiter Rhein-Neckar-Löwen agiert mittlerweile als Teammanager des Deutschen Handballbundes (DHB).

Vor dem Turnier-Auftakt klagt „The Roggs“, wie er im Spielerkreis ob seiner gewaltigen, austrainierten Körpermasse genannt wird, wie auch DHB-Vizepräsident Bob Hanning über das Kardinalproblem der Spitzenhandballer: Überbelastung durch Bundesliga, Europacup, Champions League und EM. Bestes Beispiel ist Top-Klub THW Kiel, der in dieser Saison schon 35 Pflichtspiele bestritten hat und nun den Großteil seines Kaders zur EM entsenden muss. Wie viele Akteure gesund zu ihrem Arbeitgeber zurückkommen, steht in den Sternen.

Einen kleinen Erfolg dürfen die deutschen Handballer trotz Verletzungsmisere schon vor dem ersten Anpfiff verzeichnen: Die beiden Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF übertragen ab Samstag live. „Da können wir einiges für unser Image tun“, sieht Hanning die Chance, via Bildschirm den Handball mit positiven Schlagzeilen ins Bild zu rücken. Vielleicht reicht es ja bei einer erfolgreichen EM auch für einen Spitzenplatz bei der Wahl zur „Mannschaft des Jahres 2016.“ Dann könnte Oliver Roggisch nach 2007 erneut auf der Bühne des Kurhauses zu Baden-Baden stehen. Diesmal als Funktionär und nicht als Spieler.

Bild: picture alliance

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Sportler Gala 2015

Sieben Zentimeter, die die Welt bedeuten

Von wegen Übergangsjahr, von wegen zwölf Monate rastloses Warten auf und zwischen den olympischen Ringen: Auch 2015, das ist die Erkenntnis eines großartigen Finales unter den gleißenden Scheinwerfern im Baden-Badener „Theater der Träume“, war ein Sport-Jahr voller Höhepunkte. 365 Tage, für die jede und jeder der Geehrten am letzten Sonntag vor Weihnachten in Baden-Baden ganz persönlich stand: Ob für Jan Frodeno, der die Kunst des permanenten Leidens im Schwimm-Dress, auf der Zeitfahrmaschine und in den Laufschuhen zur Perfektion getrieben hat. Ob für Christina Schwanitz, die nach vielen Selbstzweifeln, körperlichen Malaisen und der Flucht in eine ungewöhnliche Therapie mit radioaktiver Flüssigkeit die Kunst des perfekten Stoßes zelebriert hat. Oder für das nordische Kombinierer-Quartett, das aus zwei grundverschiedenen Sportarten in der Luft und zu Lande eine perfekte Symbiose geschaffen hat. Wer mag da noch von Übergangsjahr sprechen?

Wo Sekunden-Bruchteile und kaum messbare metrische Einheiten über Sieg und Niederlage entscheiden, da vollzieht auch die Wertung des Dargebotenen den Sprung auf die Bühne des Minimalismus. Nur ein einziges Mal in der 69-jährigen Geschichte der Wahl zum „Sportler des Jahres“ gab es ein knapperes, ein atemberaubenderes, ein kaum noch messbares Ergebnis: Männer, Frauen, Mannschaften. Die Fülle und die Dichte der Weltklasse-Leistungen sprechen für die Qualität des deutschen Sportes auf höchstem Level. Sie sprechen aber auch für die permanente Bereitschaft seiner Protagonisten, sich selbst, ihr Umfeld, ja ihr ganzes Leben in diesen jungen Jahren ohne Kompromisse auf eines aus zu richten: Auf das Maximum ihrer persönlichen Leidens- und Leistungsfähigkeit.

Im Kurhaus Baden-Baden hatte sich am Sonntagabend wieder eine illustre Schar junger, erfolgreicher Menschen versammelt, die nicht nur mit sportlichen Höchstleistungen, sondern auch mit viel Schlagfertigkeit glänzten. Sportlerinnen und Sportler, die abseits ihrer Wettkampfstätten mit unterhaltsamen Anekdoten und teils auch mit detaillierten Einblicken in ihr Seelenleben dieser Gala trotz allen Glamours das behütende Mäntelchen familiärer Warmherzigkeit überstreiften. Etwa der Gewinner des Sparkassenpreises für Vorbilder im Sport 2015, der Freiwasser-Schwimmer Thomas Lurz, der seit zehn Jahren jedes Jahr nach Baden-Baden kommt, aber erstmals ausgezeichnet wurde. Der 35-Jährige, der im Sommer seine Karriere beendet hatte, erzählte mit ebenso eindrucksvollen wie auch wenig einladenden Schilderungen wie es ist, wenn man zwischen Katzenhaien und Essensresten in den Kloaken der Hafenbecken großer Metropolen um Edelmetall ringt. Oder wie der „Eisenmann“ Jan Frodeno, der gemeinsam mit seiner Frau Emma voraussichtlich im Februar 2016 auf dem fünften Kontinent ein noch viel größeres Erlebnis feiern wird: Die Geburt seines Kinds. Und schließlich die mit ihrer überschäumenden guten Laune den Saal für sich einnehmende Christina Schwanitz. Die neue „Sportlerin des Jahres“ stößt nicht nur die Kugel zielgenau, sondern ist auch sonst sehr treffsicher: Angesichts ihres knappen Vorsprungs vor ihrer chinesischen Kollegin bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft haute sie im Bénazet-Saal ebenfalls einen raus: „Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freuen kann.“

Charmant und professionell wie immer führte das ZDF-Duo aus Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne durch das knapp zweistündige Programm. Der ehemalige Eiskunstläufer Cerne rutschte im cremefarbenen Smoking auf dem glatten Parkett der Bühne selbst dann nicht aus, als seine Kollegin auf der Bühne anmerkte, dass „der Rudi eher ein bisschen nach Traumschiff aussieht.“ Das Captains Dinner mit Lotse Rudi und „Miss Sportstudio“ mundete dennoch jedem der über 700 Anwesenden köstlich.

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