Sportler des Jahres - Artikel nach Datum gefiltert: Oktober 2016

Ursula Happe wird 90

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Wer am Donnerstag in bester Absicht und mit Blumen in der Hand bei Ursula Happe an der Haustür in Wellinghofen schellt, wird das vergebens tun. Den ganzen Rummel um ihren 90. Geburtstag, den braucht die Schwimm-Olympiasiegerin von 1956 nicht. "Ich bin in Kur", lässt sie ein paar Tage zuvor wissen.
Nicht, dass sie krank wäre, dafür ist Ursula Happe auch im gesegneten Alter viel zu aktiv, schließlich schwimmt die gebürtige Danzigerin sonst täglich ihre 2000 Meter – im Sommer im Freibad Wellinghofen, im Winter im Hallenbad Hörde, und drei Mal in der Woche geht’s zur Gymnastik. „Das ist das Beste, was ich machen kann, ein Leben ohne Sport wäre traurig, irgendetwas würde fehlen“, sagt die Frau, die 1956 in Melbourne alle – und auch sich selbst – mit dem Olympiasieg über 200 Meter Brust überraschte.

Coup von Melbourne

Die Jubilarin, die nie viel Aufhebens um ihre Person macht, meint nur: „Irgendeine musste ja am Ende gewinnen“. Dass ausgerechnet sie es war, bereits über 30 Jahre alt und damals Mutter von zwei Kindern, das macht den Olympia-Coup von Australien so außergewöhnlich. Von professioneller Olympiavorbereitung heutigen Zuschnitts war die Europameisterin von 1954, die in ihrer Laufbahn auch 18 Deutsche Meistertitel sammelte, damals weit entfernt.

Morgens um sechs radelte Ursula Happe, als Tochter eines Bademeisters auf die Welt gekommen, nach dem Krieg in Dortmund zum einzigen Hallenbad mit 25-Meter-Bahn. „Wenn ich Glück hatte, ließ mich der Hausmeister vor halb sieben rein“, erinnert sich die heute 90-Jährige, und fährt fort: „Ich konnte aber höchstens einen Kilometer trainieren, dann musste ich schnell nach Hause“. Ehemann Heinz Günter musste zur Arbeit, und die Kinder brauchten ihre Mutter.

Goldener Moment

Nach dem EM-Titel von ´54 hatte sich Ursula Happe vom Schwimmsport zurückgezogen, doch packte sie zwei Jahre später, im reifen Sportlerinnen-Alter von 30 Lenzen, nochmals der Ehrgeiz, der in der Olympia-Qualifikation für Melbourne mündete. Das 200 Meter-Finale selbst fand gegen halb Zehn abends statt, „es war Schlafenszeit, ich wäre viel lieber ins Bett gegangen“. Gut, dass sie es nicht tat. Nach 2:53,10 Minuten schlug Happe als Olympiasiegerin über 200 Meter Brust an. Eine Sensation – und der beste Zeitpunkt, die Karriere zu beenden.
Ein turbulenter Rückflug aus dem australischen Melbourne (Happe: „Das Gemüse flog uns nur so um die Ohren“) konnte ihr nichts anhaben, aber ihrer Goldmedaille: Die wurde im Plastikkästchen so hin- und hergeschleudert, dass die Goldbeschichtung abplatzte.

Eigene Briefmarke

Egal, die Momente von Melbourne überstanden alles unbeschadet. Zweimal wurde Ursula Happe zu „Deutschlands Sportlerin des Jahres“ gewählt (1954, 1956). Ihre Sportbegeisterung teilen auch ihre drei Kinder, Sohn Thomas gewann 1984 in Los Angeles Olympia-Silber mit den deutschen Handballern. Übrigens: Die Dominikanische Republik widmete Ursula Happe 1960 sogar eine eigene Briefmarke. Happe auf dem Startblock stehend – 100 Centavos wert, aber eigentlich unbezahlbar.

Petra Nachtigäller (Ruhrnachrichten)

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„Sie sind also der Renner“

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Ehemaliger Weltklassesprinter Heinz Fütterer wird 85 – Den Tag beginnt Heinz Fütterer seit eh und je mit der Lektüre der Badischen Neuesten Nachrichten. „Das war schon immer so und daran wird sich auch nichts mehr ändern“, sagt der Illinger, der in seiner Glanzzeit als schnellster Mann der Welt galt.

1954 war „sein“ Jahr. Der „Weiße Blitz“, der das Trikot des Karlsruher SC trug, wurde Europameister über 100 und 200 Meter und stellte als Krönung in 10,2 Sekunden den Weltrekord von Jesse Owens ein. 23 Jahre war er damals alt. Lange her. Aus dem heimatverbundenen, mit schnellen Beinen gesegneten Naturburschen ist ein rüstiger Senior geworden. Am 14. Oktober wird Heinz Fütterer 85 Jahre alt – und immer noch ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler, der von allerlei Ehrungen in seinem bewegten Leben berichten kann – von der Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts zum Beispiel. „Das war 1955 in Bonn“, erinnert sich Fütterer. „Ich wurde am Bahnhof von einem Chauffeur in einer Nobelkarosse abgeholt. Für einen jungen Kerl wie mich war das etwas ganz Außergewöhnliches.“ Es folgte die Begegnung mit Bundespräsident Theodor Heuss. „Eine beeindruckende Persönlichkeit“, sagt Fütterer. „So, so. Sie sind also der Renner“, begrüßte der Schwabe den Badener. Unvermittelt ließ Theodor Heuss sein Gegenüber wissen: „Ich hab’ nie so saue (schwäbisch für schnell laufen) könne.“ Warum? „Weil ich schon früh Einlagen in den Schuhen tragen musste.“ Heinz Fütterer kann herzhaft über dieses denkwürdige Treffen mit dem Staatsoberhaupt lachen. Einen besonderen Stellenwert hat für Fütterer die Aufnahme in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports. „Es ist eine große Ehre, neben Legenden wie Fritz Walter, Sepp Herberger und Max Schmeling verewigt zu sein.“

Bundesverdienstkreuz, Rudolf-Harbig-Preis, Goldenes Band der Berliner Sportpresse, Staufermedaille, Sportler des Jahres, olympische Bronzemedaille: Highlights in Fütterers Sammlung. Ganz oben in der Rangliste angesiedelt ist die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Heimatgemeinde Elchesheim-Illingen. Dass vor dem Rathaus eine Heinz-Fütterer-Eiche gepflanzt wurde, erfüllt ihn mit Stolz.

Dem Sport ist der Jubilar treu geblieben. Golf ist seine Leidenschaft. Wobei er das Hobby wegen einer Schulterverletzung derzeit nur bedingt ausüben kann. Auch beim Feiern lässt er es ruhiger angehen. Gab es beim 80. Geburtstag noch eine rauschende Party, wird heute im kleinen Kreis in der österreichischen Heimat von Ehefrau Ricky angestoßen.

Text: Daniel Merkel, Foto: Collet

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Ironman-Weltmeister mit Vaterdienst

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„Ich habe so gelitten, es war die Hölle“, klagte Ironman-Weltmeister Jan Frodeno nach insgesamt 226 Kilometern in den Beinen. Erschöpft ließ sich der Ausnahmeathlet von den beiden Triathlon-Legenden Mark Allen und Dave Scott im Ziel von Kona stützen. Der  Sportler des vergangenen Jahres hatte seinen Titel beim härtesten Langdistanz-Rennen der Welt in 8:06:30 Stunden auf Big Island verteidigt. Der gebürtige Kölner stieg nach 3,8 Kilometer Kraulen als zweiter Mann aus dem Meer, wechselte auf die 180 Kilometer lange Radstrecke durch die Lava-Wüste und anschließend gemeinsam mit seinem größten Widersacher Sebastian  Kienle in die Laufschuhe. Bis Kilometer 13 lieferten sich beide Spitzen-Sportler, die sich kennen und schätzen, ein Duell auf Augenhöhe auf der 42 Kilometer langen Marathon-Distanz in der drückenden Mittagshitze der Pazifik-Insel. Die nächste Verpflegungsstation nutzte Frodeno jedoch nicht nur zur Abkühlung mit nassen Schwämmen und Eiswürfeln, sondern auch, um den Hawaii-Sieger von 2014 abzuschütteln. „Ich habe mich als erster Verfolger von Jan gesehen“, erklärte der zweitplatzierte Kienle rückblickend. Neben dem Kraichgauer bestieg ein weiterer Deutscher das Siegerpodest: Der Darmstädter Patrick Lange sorgte mit seinem zweiten Ironman-Finish überhaupt für eine Sensation – und konnte seine Zeit von 8:11:14 Stunden kaum fassen: „Das ist wie tausend Geburtstage, Weihnachten und Ostern zusammen.“

Deutsche Eisenmänner auf den ersten drei Plätzen gab es zuletzt vor 19 Jahren auf Hawaii: Im Jahr 1997 siegte Thomas Hellriegel vor Jürgen Zäck und dem Darmstädter Lothar Leder. Für Frodeno war der Gewinn der Ironman-Weltmeisterschaft nicht nur die Krönung von Kona, sondern auch die eines Jahres voller Entbehrungen:  Ehefrau Emma, selbst Olympia-Siegerin auf der Triathlon-Kurzdistanz, hatte ihrem Mann während dessen Wettkampfvorbereitung den Rücken freigehalten und ihm viele häusliche Pflichten abgenommen. „Ohne sie“, gestand der Familienvater stolz, „hätte ich es nicht geschafft“. Mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm versprach der 35-Jährige den Triathlon-Fans aus der ganzen Welt: „Ab heute habe ich erst mal Vaterdienst.“

Der zweite Sieg in Folge fühlte sich laut Jan Frodeno anders an als sein Debüt im vergangenen Jahr: „Der zweite Titel schmeckt natürlich süßer.“ Wie es ihm wohl bekommen würde, wenn er am 18. Dezember 2016 erneut als „Sportler des Jahres“ auf der Bühne von Baden-Baden stehen würde?

Bild: Picture Alliance

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Die Paralympics: Gelebte Inklusion

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Zwei aufregende Jahre für den Sport in Südamerika, in Brasilien, ganz explizit in Rio de Janeiro sind am Sonntagabend mit einer  bewegenden Abschluss-Zeremonie unter dem Corcovado zu Ende gegangen:  Erst die Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, dann die Olympischen und schließlich die Paralympischen Spiele ließen die Welt des Sports und den Sport auf der Welt zu den Menschen unter dem segnenden  Christus blicken. Und ganz zum Schluss, als ein Arm-amputierter Sportler mit seinen Füßen ergreifend auf der Gitarre spielte,  hatte der „Christo Redentor“, diese riesige, Ehrfurcht einflößende Statue, etwas Mystisches, an sich: So, als wolle er die Fülle der behinderten Weltklasse-Athletinnen und Athletinnen noch einmal gemeinsam unter seinen ausgebreiteten Armen versammeln.

Nach 17 Tagen Olympia sind nun auch 12 Tage Paralympics zu Ende. Es waren 12 Tage, die – in vielfacher Hinsicht – bewegten, begeisterten und für Emotionen bisher ungekannten Ausmaßes sorgten. Menschen mit (teil)amputierten Gliedmaßen, die sich auf sündhaft teuren Hightech-Prothesen maßen.  Querschnitts-Gelähmte,  Sehbehinderte, Kleinwüchsige, Athletinnen und Athletinnen mit Bewegungs-Einschränkungen: Sie alle waren in diesen Tagen, angefeuert  teils von einer fassungslos in den Bann gezogenen Zuschauermenge,  vor allem Eines: Sportlerinnen und Sportler. Die jüngsten im Teenie-Alter, die Ältesten wie Marianne Buggenhagen (63)  an der Grenze zum Rentenalter. Das Kaleidoskop derer, denen auf der Suche nach den Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit keine Hürde zu hoch war,  kannte so gut wie keine Tabus.

Für Viele ist der teilamputierte Leichtathlet Markus  Rehm so etwas  wie das Gesicht des deutschen Behinderten-Sports. Einer, der (auch) den Wettkampf mit den Nicht-Behinderten sucht und ihn für sich erstreiten wollte. Aber Rehm, Goldmedaillengewinner in der Staffel und im Weitsprung, ist nur Einer unter Vielen, die Siege erlaufen, erspielt, errungen, erkämpft, erschwommen, erfahren haben.  Getragen von Begeisterungs-Stürmen der Einheimischen, die die Wettkampfstätten dank gesponserter Eintrittskarten zu riesigen Arenen der grenzenlosen Bewunderung,  zu einem Hort des Miteinanders von Behinderten  und Nicht-Behinderten  machten.  Am Abschluss-Wochenende wurde gar die magische Grenze von zwei Millionen Besuchern geknackt.

Vielleicht war das auch deshalb so, weil die Menschen in Rio de Janeiro im übertragenen Sinne vielfach Schicksalsgenossen der Athletinnen und Athleten, weil sie selbst behindert waren: Behindert und gehindert am sozialen Aufstieg. Behindert daran, ein normales Leben in Menschenwürde außerhalb des Schattens der Drogengangs zu führen. So etwas verbindet.  „Die Paralympics waren die Spiele, die Olympia sein sollten“, zollte der deutsche Sprinter und Weitspringer Heinrich Popow den Gastgebern Bewunderung.

Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes (die DBS-Athleten belegten Platz 6 im Medaillen-Ranking) resümierte voller Stolz: „Die Ränge bei den Paralympics waren teilweise voller als bei Olympia. Das hat es noch nie gegeben.“ Auch bei der Wahl zu Deutschlands Sportlerinnen und Sportlern des Jahres wurde behinderten Athletinnen und Athleten mit Top-Platzierungen oft noch sehr spät am Ende eines Jahres die Anerkennung  für ihre Leistungen  gezollt. 2016 wird das nicht anders sein. Als  uneingeschränktes Zeichen dafür, dass man Inklusion nicht aus der Ferne auf dem gereichten Silbertablett beklatschen darf, sondern sie mit Leben erfüllen muss.

Bild: Picture Alliance

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