Ursula Happe wird 90

Wer am Donnerstag in bester Absicht und mit Blumen in der Hand bei Ursula Happe an der Haustür in Wellinghofen schellt, wird das vergebens tun. Den ganzen Rummel um ihren 90. Geburtstag, den braucht die Schwimm-Olympiasiegerin von 1956 nicht. "Ich bin in Kur", lässt sie ein paar Tage zuvor wissen.
Nicht, dass sie krank wäre, dafür ist Ursula Happe auch im gesegneten Alter viel zu aktiv, schließlich schwimmt die gebürtige Danzigerin sonst täglich ihre 2000 Meter – im Sommer im Freibad Wellinghofen, im Winter im Hallenbad Hörde, und drei Mal in der Woche geht’s zur Gymnastik. „Das ist das Beste, was ich machen kann, ein Leben ohne Sport wäre traurig, irgendetwas würde fehlen“, sagt die Frau, die 1956 in Melbourne alle – und auch sich selbst – mit dem Olympiasieg über 200 Meter Brust überraschte.

Coup von Melbourne

Die Jubilarin, die nie viel Aufhebens um ihre Person macht, meint nur: „Irgendeine musste ja am Ende gewinnen“. Dass ausgerechnet sie es war, bereits über 30 Jahre alt und damals Mutter von zwei Kindern, das macht den Olympia-Coup von Australien so außergewöhnlich. Von professioneller Olympiavorbereitung heutigen Zuschnitts war die Europameisterin von 1954, die in ihrer Laufbahn auch 18 Deutsche Meistertitel sammelte, damals weit entfernt.

Morgens um sechs radelte Ursula Happe, als Tochter eines Bademeisters auf die Welt gekommen, nach dem Krieg in Dortmund zum einzigen Hallenbad mit 25-Meter-Bahn. „Wenn ich Glück hatte, ließ mich der Hausmeister vor halb sieben rein“, erinnert sich die heute 90-Jährige, und fährt fort: „Ich konnte aber höchstens einen Kilometer trainieren, dann musste ich schnell nach Hause“. Ehemann Heinz Günter musste zur Arbeit, und die Kinder brauchten ihre Mutter.

Goldener Moment

Nach dem EM-Titel von ´54 hatte sich Ursula Happe vom Schwimmsport zurückgezogen, doch packte sie zwei Jahre später, im reifen Sportlerinnen-Alter von 30 Lenzen, nochmals der Ehrgeiz, der in der Olympia-Qualifikation für Melbourne mündete. Das 200 Meter-Finale selbst fand gegen halb Zehn abends statt, „es war Schlafenszeit, ich wäre viel lieber ins Bett gegangen“. Gut, dass sie es nicht tat. Nach 2:53,10 Minuten schlug Happe als Olympiasiegerin über 200 Meter Brust an. Eine Sensation – und der beste Zeitpunkt, die Karriere zu beenden.
Ein turbulenter Rückflug aus dem australischen Melbourne (Happe: „Das Gemüse flog uns nur so um die Ohren“) konnte ihr nichts anhaben, aber ihrer Goldmedaille: Die wurde im Plastikkästchen so hin- und hergeschleudert, dass die Goldbeschichtung abplatzte.

Eigene Briefmarke

Egal, die Momente von Melbourne überstanden alles unbeschadet. Zweimal wurde Ursula Happe zu „Deutschlands Sportlerin des Jahres“ gewählt (1954, 1956). Ihre Sportbegeisterung teilen auch ihre drei Kinder, Sohn Thomas gewann 1984 in Los Angeles Olympia-Silber mit den deutschen Handballern. Übrigens: Die Dominikanische Republik widmete Ursula Happe 1960 sogar eine eigene Briefmarke. Happe auf dem Startblock stehend – 100 Centavos wert, aber eigentlich unbezahlbar.

Petra Nachtigäller (Ruhrnachrichten)