Neues Wintermärchen?

Die Flügelzange mit „technischem Defekt“, sprich Verletzungen, ausgefallen. Der Abwehrchef und Kreisläufer in Personalunion ebenfalls außen vor und eines der größten Talente der vergangenen Jahr malade: Doch trotz der fehlenden Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek und Paul Drux glaubt Handball-Bundestrainer Dagur Sigurdsson daran, dass seine Auswahl eine gute Europameisterschaft absolvieren wird. Zum Auftakt der Endrunde vom 15. bis 31. Januar in Polen haben die „Adlerträger“ am Samstag mit Ex-Weltmeister Spanien in ihrer Vorrundengruppe direkt einen „dicken Brocken“ vor der Brust.

„Danach werden wir wissen, wo wir stehen“, sagt Rückraumspieler Steffen Weinhold, der die DHB-Auswahl anstelle Gensheimers als Kapitän aufs Feld führen wird. Neun Jahre nach dem „Wintermärchen“ von 2007, als die Schützlinge des damaligen Bundestrainers Heiner Brand im eigenen Land mit dem Gewinn des WM-Titels und als Mannschaft des Jahres einen riesigen Handball-Boom entfachten, ist aus diesem Kreis nur noch Kreisläufer Oliver Roggisch übrig geblieben. Allerdings in anderer Funktion: Der Mann vom Bundesliga-Spitzenreiter Rhein-Neckar-Löwen agiert mittlerweile als Teammanager des Deutschen Handballbundes (DHB).

Vor dem Turnier-Auftakt klagt „The Roggs“, wie er im Spielerkreis ob seiner gewaltigen, austrainierten Körpermasse genannt wird, wie auch DHB-Vizepräsident Bob Hanning über das Kardinalproblem der Spitzenhandballer: Überbelastung durch Bundesliga, Europacup, Champions League und EM. Bestes Beispiel ist Top-Klub THW Kiel, der in dieser Saison schon 35 Pflichtspiele bestritten hat und nun den Großteil seines Kaders zur EM entsenden muss. Wie viele Akteure gesund zu ihrem Arbeitgeber zurückkommen, steht in den Sternen.

Einen kleinen Erfolg dürfen die deutschen Handballer trotz Verletzungsmisere schon vor dem ersten Anpfiff verzeichnen: Die beiden Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF übertragen ab Samstag live. „Da können wir einiges für unser Image tun“, sieht Hanning die Chance, via Bildschirm den Handball mit positiven Schlagzeilen ins Bild zu rücken. Vielleicht reicht es ja bei einer erfolgreichen EM auch für einen Spitzenplatz bei der Wahl zur „Mannschaft des Jahres 2016.“ Dann könnte Oliver Roggisch nach 2007 erneut auf der Bühne des Kurhauses zu Baden-Baden stehen. Diesmal als Funktionär und nicht als Spieler.

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