Sportler Gala 2015

Sieben Zentimeter, die die Welt bedeuten

Von wegen Übergangsjahr, von wegen zwölf Monate rastloses Warten auf und zwischen den olympischen Ringen: Auch 2015, das ist die Erkenntnis eines großartigen Finales unter den gleißenden Scheinwerfern im Baden-Badener „Theater der Träume“, war ein Sport-Jahr voller Höhepunkte. 365 Tage, für die jede und jeder der Geehrten am letzten Sonntag vor Weihnachten in Baden-Baden ganz persönlich stand: Ob für Jan Frodeno, der die Kunst des permanenten Leidens im Schwimm-Dress, auf der Zeitfahrmaschine und in den Laufschuhen zur Perfektion getrieben hat. Ob für Christina Schwanitz, die nach vielen Selbstzweifeln, körperlichen Malaisen und der Flucht in eine ungewöhnliche Therapie mit radioaktiver Flüssigkeit die Kunst des perfekten Stoßes zelebriert hat. Oder für das nordische Kombinierer-Quartett, das aus zwei grundverschiedenen Sportarten in der Luft und zu Lande eine perfekte Symbiose geschaffen hat. Wer mag da noch von Übergangsjahr sprechen?

Wo Sekunden-Bruchteile und kaum messbare metrische Einheiten über Sieg und Niederlage entscheiden, da vollzieht auch die Wertung des Dargebotenen den Sprung auf die Bühne des Minimalismus. Nur ein einziges Mal in der 69-jährigen Geschichte der Wahl zum „Sportler des Jahres“ gab es ein knapperes, ein atemberaubenderes, ein kaum noch messbares Ergebnis: Männer, Frauen, Mannschaften. Die Fülle und die Dichte der Weltklasse-Leistungen sprechen für die Qualität des deutschen Sportes auf höchstem Level. Sie sprechen aber auch für die permanente Bereitschaft seiner Protagonisten, sich selbst, ihr Umfeld, ja ihr ganzes Leben in diesen jungen Jahren ohne Kompromisse auf eines aus zu richten: Auf das Maximum ihrer persönlichen Leidens- und Leistungsfähigkeit.

Im Kurhaus Baden-Baden hatte sich am Sonntagabend wieder eine illustre Schar junger, erfolgreicher Menschen versammelt, die nicht nur mit sportlichen Höchstleistungen, sondern auch mit viel Schlagfertigkeit glänzten. Sportlerinnen und Sportler, die abseits ihrer Wettkampfstätten mit unterhaltsamen Anekdoten und teils auch mit detaillierten Einblicken in ihr Seelenleben dieser Gala trotz allen Glamours das behütende Mäntelchen familiärer Warmherzigkeit überstreiften. Etwa der Gewinner des Sparkassenpreises für Vorbilder im Sport 2015, der Freiwasser-Schwimmer Thomas Lurz, der seit zehn Jahren jedes Jahr nach Baden-Baden kommt, aber erstmals ausgezeichnet wurde. Der 35-Jährige, der im Sommer seine Karriere beendet hatte, erzählte mit ebenso eindrucksvollen wie auch wenig einladenden Schilderungen wie es ist, wenn man zwischen Katzenhaien und Essensresten in den Kloaken der Hafenbecken großer Metropolen um Edelmetall ringt. Oder wie der „Eisenmann“ Jan Frodeno, der gemeinsam mit seiner Frau Emma voraussichtlich im Februar 2016 auf dem fünften Kontinent ein noch viel größeres Erlebnis feiern wird: Die Geburt seines Kinds. Und schließlich die mit ihrer überschäumenden guten Laune den Saal für sich einnehmende Christina Schwanitz. Die neue „Sportlerin des Jahres“ stößt nicht nur die Kugel zielgenau, sondern ist auch sonst sehr treffsicher: Angesichts ihres knappen Vorsprungs vor ihrer chinesischen Kollegin bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft haute sie im Bénazet-Saal ebenfalls einen raus: „Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freuen kann.“

Charmant und professionell wie immer führte das ZDF-Duo aus Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne durch das knapp zweistündige Programm. Der ehemalige Eiskunstläufer Cerne rutschte im cremefarbenen Smoking auf dem glatten Parkett der Bühne selbst dann nicht aus, als seine Kollegin auf der Bühne anmerkte, dass „der Rudi eher ein bisschen nach Traumschiff aussieht.“ Das Captains Dinner mit Lotse Rudi und „Miss Sportstudio“ mundete dennoch jedem der über 700 Anwesenden köstlich.