Die Wahl 2016

Die Wahl 2016

Laura Ludwig und Kira Walken­horst: Sympathisch, natürlich, Vorbild für den Nachwuchs

Als der letzte Ball im Aus war, kannte der Jubel keine Grenzen. Laura Ludwig (30) und Kira Walkenhorst (25) hatten Mitte August als erstes europäisches Frauenteam überhaupt eine olympische Medaille im Beachvolleyball gewonnen. Und dann gleich Gold bei den Olympischen Spielen. „Je mehr Druck wir hatten, umso besser haben wir gespielt“, strahlte Walkenhorst nach dem Finale gegenüber dem ZDF, das die Partie live übertragen hatte.

Was für ein Jahr für Ludwig/Walkenhorst: Europameisterinnen sind sie geworden, Deutsche Meisterinnen, Weltranglisten-Erste, und dann sicherten sie sich auch noch den Titel beim World Tour Final in Toronto. Doch über allem thront der Olympiasieg am berühmtesten Strand der Welt. Mit 21:19 und 21:14 haben sie gegen die Brasilianerinnen Agatha Bednarczuk und Barbara Seixas Gold gewonnen, und ganz Deutschland mit ihrer Art, Beachvolleyball zu spielen, fasziniert und in ihren Bann gezogen. Sie zauberten eine perfekte Symbiose in den Sand – Laura Ludwig, seit Jahren eine der spektakulärsten Abwehrspielerinnen der Welt, brilliert mit ihrer taktischen Überlegenheit, die lange Kira Walkenhorst (1,84 m) hat nahezu jeden Block perfekt gesetzt.

Im Hexenkessel der Beachvolleyball-Arena, gegen nahezu 15.000 fanatische und lautstarke Brasilianer, behielten die beiden Hamburgerinnen kühlen Kopf – und bereits Mitte des ersten Satzes wurde die Kulisse leiser. Der Erfolg von Ludwig/Walkenhorst war kein Zufall. Dahinter steckt drei Jahre lange, akribische Arbeit in der Beachhalle in Hamburg-Dulsberg. Zusammen mit ihrem Trainer Jürgen Wagner, der schon das Duo Brink/Reckermann in London zu Gold geführt hatte, haben sie mit dem Spielanalyse-Programm „Beach Viewer“ jeden Ballwechsel aufgezeichnet, aus dem sich dann ein Muster für den Matchplan des Gegners erkennen ließ. „Es ist diese Kombination aus strategisch geplantem Erfolg und Ehrgeiz und dem gleichzeitigen sympathischen Auftreten, was die beiden so besonders macht“, sagt Manager Andreas Scheuerpflug.
Die „Beacherinnen“ genießen in der Öffentlichkeit den besten Ruf und kommen sympathisch rüber. Kein Wunder, dass sogar Uwe Seeler Ende August in der Hamburger Fischauktionshalle beim Sport-Bild-Award die Nähe der beiden „Strahlefrauen“ suchte. Hamburgs Fußballikone genoss sichtlich den Moment, als er beim Fotoshooting die beiden Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen im Arm halten durfte.

Im Glanze des überragenden Erfolges von Rio gerät fast in Vergessenheit, dass Kira Walkenhorst 2014 eine lange Zwangspause einlegen musste – Pfeiffersches Drüsenfieber. Kurz vor ihrem Comeback zog sie sich dann 2015 noch eine Knieverletzung zu und musste eine Operation über sich ergehen lassen. Von allen Seiten erfuhr das Duo damals jedoch Aufmunterung.

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Angelique Kerber: „Die Angie soll die Angie bleiben“

Manchmal sind es die kleinen, die unscheinbaren Momente, die über große Karrieren und große Momente im Leben einer Sportlerin entscheiden. Als die Tennis-Spielerin Angelique Kerber im Januar in der ersten Runde der Australian Open gegen die Japanerin Misako Doi vor dem Turnier-Aus stand, deutete nichts, aber auch gar nichts darauf hin, dass die 28-Jährige vor dem erfolgreichsten Jahr ihrer Karriere stehen könnte. Am anderen Ende der Welt schien für 2016 alles zu Ende zu sein, bevor es überhaupt begonnen hatte.


Doch letztendlich überstand die Kielerin mit polnischen Wurzeln nicht nur diese Hürde, sie startete, nachdem sie den Matchball der Japanerin abgewehrt und die Partie für sich entschieden hatte, zu einem unvergleichlichen Parforce-Ritt über die Centre Courts dieser Welt. Ein einziger Dauerlauf zwischen Serve and Volley, der mit dem Sieg in Melbourne einen unvergesslichen Wert für sie hat: „Dieser Pokal, dieser Moment, als ich nach dem Matchball am Boden lag, das wird mir immer in Erinnerung bleiben. Denn da hat alles begonnen. Das war der Moment in meiner Karriere.“

Am Ende dieses Jahres stehen für sie zwei Grand-Slam-Titel (Australien und USA), eine weitere Finalteilnahme (Wimbledon), Silber bei den Olympischen Spielen, die Nummer 1 in der Weltrangliste und jetzt zum Ende eines grandiosen Jahres auch noch der Titel als Deutschlands „Sportlerin des Jahres.“ Seit der unumstrittenen deutschen Tennis-Königin Stefanie Graf ist keine deutsche Filzball-Akrobatin mehr auch nur annährend in diese Bereiche vorgedrungen wie die Linkshänderin.

Vor allem aber ist sie aus dem Schatten einer in den vergangenen Jahren schier übermächtigen Gegnerin, Serena Williams, herausgetreten. In Melbourne verwies sie die aufschlagstarke US-Athletin auf Rang zwei, in Wimbledon unterlag sie, auf Augenhöhe mit ihr agierend. Während Williams sich mit nur acht Turnier-Teilnahmen den maximalen Erfolg sichern wollte, war Kerber kein Weg zu weit und keine Veranstaltung zu mühevoll, um sich nicht doch durchzubeißen auf dem Weg zu ihrem selbst ernannten Ziel: „Die Nummer eins der Welt werden.“

Nach diesem schier unglaublichen Jahr warten auf die gebürtige Bremerin 2017 neue Herausforderungen und Aufgaben: „Ich möchte so lange wie möglich meine Position als Nummer eins verteidigen“, gibt sie als vorrangiges Ziel aus. Als Folge ihres plötzlichen Ruhmes gilt es auch, die Balance zwischen harter, professioneller Vorbereitung auf die anstehende Saison und der öffentlichen Aufmerksamkeit zu finden. Dass das nicht leicht ist, hat sie in den vergangenen Wochen und Monaten bereits am eigenen Leib erfahren. Dass das aber auch in Zukunft so bleiben wird, dafür hat sie Vorsorge getroffen und ihr eigenes Motto ausgegeben: „Die Angie wird die Angie bleiben.“

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Fabian Hambüchen: Das Beste kam zum Schluss

Es gibt in diesen Tagen, in denen das Jahr auf Abschiedstour ist, kaum einen Fernsehsender, der sich nicht gerne mit Fabian Hambüchen schmückt, wenn er auf die Höhepunkte von 2016 zurückblickt. Dieses Mammutprogramm der vergangenen Wochen hat die Turnikone ebenso erfolgreich bewältigt wie seine beispiellose Karriere. 26 Medaillen gewann Fabian Hambüchen bei internationalen Wettbewerben, darunter Silber und Bronze bei Olympischen Spielen. Schon vor seinem Auftritt in Rio de Janeiro war der Mann aus Wetzlar der erfolgreichste deutsche Turner der Geschichte. Was also sollte da noch kommen an diesem 16. August in der Turnhalle von Rio beim Reckfinale? Die Krönung eines Lebenstraums?

Topfit war er, die Schulterverletzung vom März hatte ihn nicht mehr geplagt. Hambüchens Kür war tadellos. Der Abgang auch. Doch dann riss er gefühlt eine halbe Sekunde zu früh die Jubelarme hoch und geriet ein wenig aus dem Gleichgewicht. Aber der kleine Ausfallschritt war am Ende kein Fehltritt: 15,766 Punkte. Niemand holte ihn mehr ein, auch der Niederländer Epke Zonderland nicht, der vom Gerät fiel. Es war tatsächlich Gold.
Was aber macht diesen Olympiasieg und den Menschen Fabian Hambüchen so besonders? Vor allem der Umstand, dass er trotz Rückschlägen nicht aufgegeben hat, dass er bereit war, immer wieder ganz von vorne anzufangen. „Die Liebe zum Turnen hat ihn immer angetrieben, und er hat sich diesen Traum von Gold mehr als verdient“, sagt Hambüchens Manager Klaus Kärcher. „Und abgesehen von einem Achillessehnenabriss und der Schulterverletzung ist er relativ gesund durch sein Sportlerleben gekommen.“

In der Regel gewinnt ein Athlet Gold, beim nächsten Auftritt reicht es dann meist nicht mehr für den Olympiasieg. Das 29-jährige Kraftpaket hat die Reihenfolge umgedreht, einen perfekten Spannungsbogen für sich und seine Fans entworfen. Zweimal war er bei Olympia als ganz großer Favorit angereist, gewann Bronze und dann Silber am Reck. Vor allem der dritte Platz in Peking 2008 war für ihn eine Riesenenttäuschung und dieses mentale Päckchen hat er bis Brasilien mit sich herumgetragen. In Rio hatte niemand was von ihm erwartet, weil der Start wegen einer Schulterverletzung lange in den Sternen stand. Das Beste kam bei ihm dann zum Schluss.

Hambüchen war und ist aber auch immer ein mündiger Athlet gewesen, einer der auch Missstände im Sport anspricht. Doch jetzt sagt er, zumindest der internationalen Bühne, adieu. „Ich habe alle Titel gewonnen, und mein Körper zeigt mir, dass es Zeit ist aufzuhören“, sagt er. Wenn Hambüchen derzeit morgens aufwacht, genießt er das Gefühl, nicht mehr jeden Tag in die Turnhalle zu müssen. „Ich habe mehrere Optionen und freue mich auf alles, was kommt.“ Er wird eine große Lücke im deutschen Sport hinterlassen.

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