Keine Stäbchen in Gangneung

Gangneung, die 150 000-Einwohner-Stadt am Ostmeer gelegen, ist im Sommer ein heißer Tipp. Meist schönes Wetter, warm, klasse Strände – und beliebt bei inländischen Touristen. Aber jetzt? Pulsiert die nordkoreanische Metropole elektrisiert im olympischen Rhythmus. Hier läuft was. Die Bewohner wundern sich schon lange nicht mehr über tausende Busse (durchgehend mit der Aufschrift PyeongChang), scheinbar mehr als PkW. Und in der Innenstadt, grell erleuchtet, gibt es auch nach Mitternacht noch Leckeres. Es muss nicht einmal immer scharf sein. Den ausländischen Gästen werden sofort Messer und Gabel gereicht – wir hatten befürchtet, es gäbe nur Stäbchen, Essens-Stress und bleibenden Hunger. Die anderen befürchteten Rituale, Schuhe ausziehen, im Schneidersitz essen: bisher ebenfalls nicht erlebt. 

Omnipräsent aber “PyeongChang”. Doch eigentlich glänzt die Retortenstadt in den Bergen vor allem als Austragungsstätte der nordischen und alpinen Wettbewerbe. Viele Olympia-Besucher, Medienschaffende, Sportler und Sponsoren wohnen in Gangneung, weshalb morgens und abends wahre Shuttle-Ladungen Menschen von unten nach oben und zurück verfrachten werden müssen. Normalerweise in 40 Minuten zu schaffen. Bisher passte alles, von ein paar Verspätungen abgesehen, die nur lästig fallen, weil Warten auf den Transport im “sibirischen” PyeongChang nur mit Termo-Unterwäsche drunter ertäglich ist. Zur Not ignorieren die Busfahrer die Vorschrift, dass alle Passagiere sitzen müssen. Zu Eiszapfen Erstarrte lassen sich jedoch nicht abweisen und tauen stehend im Gang auf.

Team Germany erlebt das nur am Rande. Von den beiden Olympischen Dörfern ist pünktliche Beförderung zu den Wettkampfstätten garantiert. Das haben die Organisatoren im Griff. Der DOSB, oben zentral und unten mit einer Dependance vertreten, unterstützt und bietet den Transport zum Deutschen Haus an. Dort treffen sich Partner, Athleten, Presse-Vertreter. Selbst über einen Fitness-Raum verfügt das Gebäude, dazu jede Menge Stimmung, gutes Essen, Präsentationen.

Der Punk aber geht in Gangneung ab. Sportlich mit Short Track, das die Einheimischen verehren. Unser Taxifahrer verstand kein Wort Englisch, aber die Nennung eines koreanischen Kurvenspezialisten führte zur richtigen Stelle inmitten des Olympiaparks. Übrigens sind die Hinweisschilder fast durchgängig in Hunmin Jeongeum (koreanisches Alphabet) und lateinischen Schriftzeichen angebracht. Man hat die Welt zu Gast. Das macht die Einheimischen stolz. Und artig erfolgt nach jeder Handreichung die Andeutung eines Dieners. Ist so üblich. Wir ziehen dagegen den Hut. Vor Gangneung, an das sich nach den XXXIII Winterspielen wahrscheinlich keiner erinnert. War doch PyeongChang... Dieses Schicksal erlitt bei den letzten Winterspielen ein anderer Fünfringe-Gastgeber. Allerdings umgekehrt. Das kleine Schwarzmeer-Städtchen Adler richtete viele Wettbewerbe aus. Aber Sotschi taucht als Gastgeber von 2014 in den olympischen Geschichtsbüchern auf. Obwohl sich in der wirklich schmucken Kurstadt sportlich gar nichts abspielte. 

Ergo: den nächsten Strandurlaub statt auf Malle oder an der Adria in Gangneung buchen? Man sollte vorher höchstens in Erfahrung bringen, ob das Meer im August warm genug und das Besteck nicht wieder restlos verschwunden ist.  

Bild: ISK