Sportler des Jahres

Freitag, 30. September 2016

Die Paralympics: Gelebte Inklusion

Zwei aufregende Jahre für den Sport in Südamerika, in Brasilien, ganz explizit in Rio de Janeiro sind am Sonntagabend mit einer bewegenden Abschluss-Zeremonie unter dem Corcovado zu Ende gegangen: Erst die Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, dann die Olympischen und schließlich die Paralympischen Spiele ließen die Welt des Sports und den Sport auf der Welt zu den Menschen unter dem segnenden Christus blicken. Und ganz zum Schluss, als ein Arm-amputierter Sportler mit seinen Füßen ergreifend auf der Gitarre spielte, hatte der „Christo Redentor“, diese riesige, Ehrfurcht einflößende Statue, etwas Mystisches, an sich: So, als wolle er die Fülle der behinderten Weltklasse-Athletinnen und Athletinnen noch einmal gemeinsam unter seinen ausgebreiteten Armen versammeln.

Nach 17 Tagen Olympia sind nun auch 12 Tage Paralympics zu Ende. Es waren 12 Tage, die – in vielfacher Hinsicht – bewegten, begeisterten und für Emotionen bisher ungekannten Ausmaßes sorgten. Menschen mit (teil)amputierten Gliedmaßen, die sich auf sündhaft teuren Hightech-Prothesen maßen. Querschnitts-Gelähmte, Sehbehinderte, Kleinwüchsige, Athletinnen und Athletinnen mit Bewegungs-Einschränkungen: Sie alle waren in diesen Tagen, angefeuert teils von einer fassungslos in den Bann gezogenen Zuschauermenge, vor allem Eines: Sportlerinnen und Sportler. Die jüngsten im Teenie-Alter, die Ältesten wie Marianne Buggenhagen (63) an der Grenze zum Rentenalter. Das Kaleidoskop derer, denen auf der Suche nach den Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit keine Hürde zu hoch war, kannte so gut wie keine Tabus.

Für Viele ist der teilamputierte Leichtathlet Markus Rehm so etwas wie das Gesicht des deutschen Behinderten-Sports. Einer, der (auch) den Wettkampf mit den Nicht-Behinderten sucht und ihn für sich erstreiten wollte. Aber Rehm, Goldmedaillengewinner in der Staffel und im Weitsprung, ist nur Einer unter Vielen, die Siege erlaufen, erspielt, errungen, erkämpft, erschwommen, erfahren haben. Getragen von Begeisterungs-Stürmen der Einheimischen, die die Wettkampfstätten dank gesponserter Eintrittskarten zu riesigen Arenen der grenzenlosen Bewunderung, zu einem Hort des Miteinanders von Behinderten und Nicht-Behinderten machten. Am Abschluss-Wochenende wurde gar die magische Grenze von zwei Millionen Besuchern geknackt.

Vielleicht war das auch deshalb so, weil die Menschen in Rio de Janeiro im übertragenen Sinne vielfach Schicksalsgenossen der Athletinnen und Athleten, weil sie selbst behindert waren: Behindert und gehindert am sozialen Aufstieg. Behindert daran, ein normales Leben in Menschenwürde außerhalb des Schattens der Drogengangs zu führen. So etwas verbindet. „Die Paralympics waren die Spiele, die Olympia sein sollten“, zollte der deutsche Sprinter und Weitspringer Heinrich Popow den Gastgebern Bewunderung.

Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes (die DBS-Athleten belegten Platz 6 im Medaillen-Ranking) resümierte voller Stolz: „Die Ränge bei den Paralympics waren teilweise voller als bei Olympia. Das hat es noch nie gegeben.“ Auch bei der Wahl zu Deutschlands Sportlerinnen und Sportlern des Jahres wurde behinderten Athletinnen und Athleten mit Top-Platzierungen oft noch sehr spät am Ende eines Jahres die Anerkennung für ihre Leistungen gezollt. 2016 wird das nicht anders sein. Als uneingeschränktes Zeichen dafür, dass man Inklusion nicht aus der Ferne auf dem gereichten Silbertablett beklatschen darf, sondern sie mit Leben erfüllen muss.

Bild: Picture Alliance

 

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